Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 15 (1866)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Rückblick auf Zustände und Ereignisse der Juden in Frankreich, Italien, dem Orient un der Nordküste Africa's während der letztvergangenen Decennien
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829332-2829343-2862396--10161-2862421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
368 Rückblick auf Zustände und Ereignisse der Juden unserer Stammmutter, die ihre Kinder beweint, rief in uns allen eine eigentümlich ernste und weihevolle Stirn־ mung hervor. Ein kurzes Gebet wurde in der Kubah gesprochen, auf welcher ich die Namen Sir Moses Monte־ fiore und Gustav von Rothschild fand, die vor kurzer Zeit hier gewesen waren; dann setzten wir unsere Reise fort und kamen gegen fünf ühr Morgens in der Stadt des sehr Geliebten (al Khalel, nämlich Abraham) an. Auch hier war uns ein grosser Theil der jüdischen Bevölkerung entgegen־ gekommen. Wir gingen sogleich in die Synagoge zum Morgengottesdienste und von da in die Wohnung des Vorstehers der Gemeinde, dessen Haus am äussersten Ende des Juden Viertels gelegen war. Durch ein kleines Thor gelangt man in die Judenstadt, in der ungefähr achthundert Seelen wohnen, ln Hebron herrscht noch j! grössere Armuth und Unordnung unter clen Juden, als in ן | Jerusalem; ein Räuberhauptmann, der die Gegend ver- 1 wüstete und von den armen Juden alle Augenblicke Geld erpresste, vermehrte noch das Elend. ן Eine Scene, die sich in meiner Gegenwart zutrug, bej wies mir, wie gerecht die allgemeinen Klagen seien. Nachdem ich den Besuch des Muleslem oder Gouverneur der Stadt empfangen hatte, der mich ohne Weiteres fragte, ob ich nicht auf seinem Gebiete angefallen worden sei und Gott dankte, als er hörte, dass ich in allen unter seiner Botmässigkeit stehenden Ortschaften Schutz und Sicherheit gefunden hatte, liess sich ein Vetter des Räuber־ haaptmanns an melden und trat herein in mein“ Zimmer, umgeben von einigen Männern, die bis an die Zähne bej waffnet waren. Man bot ihm, der orientalischen Sitte gemäss, eine Pfeife, Kaffee und Backwaaren an. Wir , unterhielten uns über den Krieg und über die Folgen, j die er haben könnte, und dann endlich verabschiedete sich der Herr. Der Gouverneur begleitete ihn, kam aber sogleich zurück und sagte mir, Jener verlange Geld. Ich wollte keine Schwierigkeiten machen und bot ihm, dem Rathe einiger anwesenden Glaubensgenossen gemäss, eine Summe an, die aber nicht für ausreichend befunden wurde und verdoppelt werden musste. Eine Viertelstunde dar-