Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 15 (1866)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Rückblick auf die Zustände der Juden in Frankreich, Italien, dem Orient und der Nordküste Africa's während der letztvergangenen Decennien
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829332-2829341-2862270--10059-2862304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
u3 י*v^ ‘ ■־—״—- x I, ’’ in Frankreich, Italien, dem Orient u. d. Nordküste Africa’s. 298 ich es nie zuvor an diesem Tage in Europa gewesen war, weder in den Synagogen, welche vollständig die alten Gebräuche beibehalten haben, noch auch in den Tempeln, die sich Mühe gegeben haben, diese Ceremomen in eine moderne und der Civilisation entsprechende Form umzugestalten. Besonders ergreifend war, als nach dem Verlesen der Klagelieder Jeremiae, welches nach dem orientalischen Ritus abwechselnd durch den Rabbiner, die Chachamim und mich als Gast der Gemeinde geschah, ein ehrwürdiger Greis sich erhob und folgende Worte sprach: ״Heute sind es 1778 Jahre, dass in Folge unserer Sünden der Tempel, der Gegenstand unseres gerechten Stolzes, zerstört worden ist." In diesem Augenblicke löschte ein Jeder, nachdem er ein wenig Asche auf sein Haupt geworfen hatte, die Wachskerzen, die den Betsaal nur trübe erleuchteten, aus und ging, ohne ein Wort zu sprechen, nach Hanse. Am andern Morgen wurde ein einfacher Tisch in das Innere der Synagoge getragen, und als das seines Schmuckes entkleidete Sepher zum Vorlesen, aus der Tora herbeigebracht wurde, brachen Alle in Thränen aus, während der Vorbeter nacheinander folgende Fragen an die versammelte andächtige Gemeinde richtete: ״Warum tragen wir sonst dieses heilige Bergament geschmückt und geziert und unter Absingung von Gesängen und Psalmen, und heute ohne Gesang und ohne Schmuck?" Die Haphtara des Tages, die auf arabisch Übersetzt und erklärt wird, enthält eine kurze Zusammen- Stellung der Geschichte des traurigen Ereignisses, und in Allem erkannte ich den Ausdruck des wahrhaften Schmer- 268. Ach, sagte ich zu mir, die Quelle dieser edlen Gefühle im Herzen der Bevölkerung zu bewahren, und in ihr ein Streben nach religiöser Wissenschaft, wie sie es früher gehabt hat, anfachen, — welche Genugtuung wäre das für den Rabbiner und für die Verwaltung, die sich solch’ werthvoller und seltener Elemente zu bedienen verstehen! Es wurden Schulen für Kinder beiderlei Geschlechts und ein Zufluchtshaus für kleine Kinder gegrtindet, und die Gemeinde von Oran, die mehr als 6000 Seelen zählt, stellte sich bereitwillig an die Spitze und erliess