Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 15 (1866)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aphorismen über die biblischen Offenbarungs-Wunder
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 3)
- Language
- German
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über die biblischen Offenbarungs-Wunder, 97 kleine und kleinliche Eingriffe der Wunderthat die allweise Ordnung der Natur gestört worden sei. Es widerspricht der allgemeinen Erfahrung, dass einzelne Ereignisse geschehen, einzelne Erscheinungen hervorgetreten sein sollen, ohne die vorangegangenen natürlichen Bedingungen, oder dass die natürlichen vorhandenen Kräfte nicht ihren bestimmten Erfolg haben sollen. Je begründeter und wissenschaftlicher daher die Erfahrungen und Beobachtungen werden, je widersinniger erscheinen die erzählten und geglaubten Wunderthaten. Die Bestimmung dieser Wunder ist schon angedeutet: sie sollen die Wahrheiten und Lehren der Religion bewahrheiten, beglaubigen und befestigen; allein sie entsprechen, von einem höheren Standpuncte betrachtet, so wenig dieser ihrer Bestimmang, dass sie vielmehr ganz unvernünftig erscheinen. Wenn eine Wahrheit oder Lehre nicht durch die Macht der innern LTeberzeugung sich Bahn bricht, so wird sie sicher nicht durch die Wunderthat sich Anerkennung und Geltung verschaffen. Eine Wahrheit, die nur durch sinnliche Argumente oder äussere Gewaltmassregeln imputirt wird, hört auch dadurch allein schon auf eine solche zu sein; und Handlungen nach Lehren, die nur durch die Macht des Wunderbaren und den Schrecken der Ueberrascliung erzielt werden,־ verlieren ihren sittlichen Werth und biissen ihren hohem Charakter ein. Die Wunder können also unmöglich das erreichen, was sie zu erzielen bestimmt sein sollen. Zudem erfüllen sie auch endlich gar nicht ihren Zweck, und verfehlen ganz ihre angebliche Wirkung. Der Hang nach dem Wunderbaren im Menschen hat den Glauben daran so vielfaltig vermehrt, dass Wunder nach ihm in allen Religionen und nach allen Seiten hin geschehen sein sollen. Die Menge der Wunder schwächt und neutralisirt sie gegen einander, und indem sie oft Widersprechendes bezeugen und verbürgen sollen, heben sie selbst ihre Bedeutung und ihren Einfluss auf. Die Wunder haben darum noch nie einen Ungläubigen von der Wahrheit einer Religion überzeugt, und zur Anerkennung derselben geführt. Sie setzen, wenn sie wirken sollen, einen unbedingten, unbezweifelten Glauben voraus, der nicht aus dem Hange nach dem Wunderbaren entspringt, sondern in der Hingebung an die angestammte Religion tief innerlich wurzelt. Sie Frankel, onatsschrift. XV. 3. 3