Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 15 (1866)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die religiöse Duldung nach der europäischen Völkertafel
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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44 Die religiöse Duldung Und suchte zuweilen ein unzeitiger Glaubenseifer in die Meinungsfreiheit einzugreifen, so traten die namhaftesten Lehrer gegen solches Verfahren in die Schranken. Maimonides stellte in seiner Schrift ״More Nebuchim“ Ansichten auf, die auf . anderem Gebiete, wie das Beispiel eines Giordano Bruno zeigt, nicht nur dem Werke sondem auch dem Autor den Feuertod zugezogen hätte. Es wurde von einigen Gelehrten zu harten Maassregeln gegen dieses Werk geschritten; die angesehensten Lehrer und unter ihnen der sein Zeitalter überstrahlende fromme Moses ben Nachman, sprachen ihre Missbilligung über dieses Verfahren aus. Ist das Fernhalten von Gewissenszwang in dem Um*׳ stände begründet, dass das Judenthum nicht Dogmen kennt, so findet es noch seine fernere Erklärung in der (eigentlich Hillel, nicht Rabbi H.) keineswegs in den Worten: ״Israel habe keinen Messias (zu erwarten), er sei schon in den Tagen Hiskias’ gekommen“ (אין משיח לישראל שכבר אכלוהו בימי חוקיה), eine :Negirung eines könftigen Messias beabsichtigt haben; fand er doch die Widerlegung in den Prophezeiungen Jeremias’ und Ezechiel’s. die lange nach Hiskia lebten und einen Messias verkündeten! Das Verhältnis ist aber folgendes. Dieser Hillel lebte in Palästina im 4. Jahrhundert. Das Christentlmm war daselbst herrschende Religion geworden, und es fanden häufig Controversen (Colloquien) zwischen- Christen und Juden statt. Diese Controversen hatten, wie aus den Dialogen des Justinus Martyr und sonst zu ersehen, Bibelstellen zur Grundlage, aus denen von christlicher Seite Vorhersagungen auf Jesus nach gewiesen wurden. Eine solche von christlicher Seite urgirte Stelle bildete Jesaias 7, 14. Die Juden widerlegten diesen Beweis, indem sie aus dem ganzen dortigen Zusammenhänge nachwiesen, diese Stelle beziehe sich auf Hiskia. Der gedachte Hillel hatte häufig Controversen mit Christen (vergl. i. Jahrg. S. 218); gegen diesen aus Jes. 7, 14 geführten Beweis sind nun seine Worte gerichtet: ״Von hier ist auf keinen Messias zu schliessen, der hier angedeutete Messias ist in den Tagen Hiskia’s gekommen.u — Seine Worte wurden später nach Babylon, wahrscheinlich in etwas veränderter Gestalt — wie dieses bei von Palästina nach Babylon übertragenen Stellen auch sonst häufig — gebracht, und hierdurch daselbst missverstanden.