Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 14 (1865)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 4)
- Language
- German
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Recensionen und Anzeigen. 231 Weltansichten des Anaxagoras und der Israeliten im Prin'zip und Wesen übereinstimmen, — von einer Aehnlichkeit oder Verwandtschaft ist nicht die Rede, — und sich von einander nur durch die Form unterscheiden, indem dieselbe Erkenntniss von dem Hellenischen Philosophen freilich in der Form und dem Interesse der Philosophie, von dem israelitischen Volke in der Form und dem Interesse der Religion entwickelt worden ist6‘, eine volle und ungetheilte Zustimmung versagen zu müssen. Wir können höchstens zugeben, -- und dies ist in der Abhandlung zur Evidenz erhoben worden, —׳ dass das Prinzip beider Weltanschauungen dasselbe sei, ihr Wesen ist aber durchaus verschieden3). Beide haben dasselbe Prinzip, indem sie einen Geist an die Spitze des All stellen und aus demselben jedes sinnliche Motiv entfernen; aber das Wesen der israelitischen Religion gründet sich darin, dass sie einen geistigen, persön״ liehen Gott fordert, während Anaxagoras einen göttlichen, ordnenden Geist für sein S}rstem braucht. Nach dem Israelitenthum ist Gott ein Geist, d. 11. aus dem Begriffe Gottes muss jedes sinnliche Element hinausgewiesen werden, nach Anaxagoras ist der Geist ein Gott, d. h. der Geist ist es, welcher die Function seines Gottes übernimmt und erschöpft; Israel anerkennt eine übergewaltige, allmächtige, Nichts, also auch nicht eine Materie, neben sich duldende4) Persönlichkeit, eine frei und uneingeschränkt waltende Gottheit, Anaxagoras weis8 nur von einem ordnenden, die Bewegung veranlassenden vovg, der dem Gotte Israels durchaus nicht ebenbürtig, nur die 1% nLVTjüscog vorstellt. Denn das o&sv H 1*Cvriaig war das Problem, welches die Philosophen jener Zeit beschäftigte und dass nun Anaxagoras 3) Dass die Begriffe ,,Prinzip'1־ und ״Wesen" auseinandergehalten werden müssen, bedarf wohl keiner besonderen Rechtfertigung. Das Prinzip ist gewissermassen nur das Skelett, von welchem das Wesen gehalten, aber noch gar nicht bestimmt ist. So ist z. B. in der Ernanationstlieorie und imSpinozismus dasselbe pantheistische Prinzip, und doch ist ihr Wesen so überaus verschieden. 4) Deuteronomium VI, 4: Höre, Israel u. .8. w.; durch dies unablässige Betonen des ״einzigen, einigen" Gottes wird entschieden jedem Dualismus entgegengetreten, wovon noch die Rede sein wird.