Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1863-01-01 · Heft 6 · p. Seite 225

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
12 (1863)
Issue
Heft 6
Article
Dr. Gabriel Riesser
Date
1863-01-01
Page
Seite 225 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829290-2829297-2859695--07767-2859738
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Gabriel Riesscr. 225 Erde geschaffen, als Mittel bedient habe, um einen Staat zu bilden, um seiner politischen Gesetzgebung im Ganzen und im Einzelnen Autorität zu verschaffen, gerade so wie in Rom und den griechischen Republiken die Religion der Priester und Auguren den Staatszwecken diente. Das letzte einzige Ziel, das Moses vor Augen hatte, war demnach die Gründling eines Staates; alle seine Gesetze waren auf einen politischen Zweck berechnet; die Religion war ihm, was man heutzutage in Frankreich .,un moyen de gouvernement, une theoric du droit divin pour solltenir la legitimitr“ nennen würde; der angebliche religibsc Sinn und göttliche Ursprung seiner Gesetze war ein ganz leiner Kunstgriff, um ihnen bei einem rohen Volke Autorität zu verschaffen; seine ganze göttliche Gesetzgebung ein kluger MechanLsmns, sein Einer ewiger Gott der deus ex. machina desseiheu, und er der schlaue Maschinenmeister, der das Schiff des Staates so auf die beste Weise lenken zu können meinte. Gegen diese Ansicht von der Sache, die ich kritisch nicht zu bestreiten vermag, wird mir erlaubt sein, einzuwenden, dass es von diesem Standpunkte aus eine leere Redensart ist, die fünf Bücher Mosis ein Religionsbuch zu nennen, mehr als z. B. die römische• Geschichte des Titus Livius, in welcher auch mancher* lei von Weissagungen, Priestern und Auguren zu lesen ist. Moses aber, wenn man seine Bestrebungen als einzig auf die Gründung eines Staates gerichtet betrachtet, den Gesetzgebern Roms und Griechenlands an die Seite zu stellen, erscheint als eine leere llöilichkeit, wenn man bedenkt, dass der von ihm unter den all er ungünstigsten Umständen gegründete Staat, von Anfang an von inneren und äusseren Kämpfen zerrissen, nie einen dauernden Glanzpunkt gehabt hat, der dazu berechtigte, den jüdischen Staat als Staat Rom oder Athen, oder einer der Monarchien Asiens an die Seite zu setzen. Und diese winzige politische Existenz sollte das höchste Ziel gewesen sein, das der gottbegeisterte Gesetzgeber durch zwecklose Irrfahrten zu erreichen strebte? Um sein Volk zu Eroberern zu erziehen, hätte er ihm Ceremonialgesetze gegeben, die für äussere Thätigkeit so mannigfach hemmend erscheinen? Man muss gestehen, das Mittel wäre sonderbar gewählt gewesen. Rom, das die Welt erobert hat, hatte ganz andere Gesetze. Und jenes kümmerliehe, nationalpolitische Dasein sollte es sein, das die Gräber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.