Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 12 (1863)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Dr. Gabriel Riesser
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 5)
- Language
- German
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Dr\ Gabriel Iliesser. 219 hatte fürwahr für unsere Tage kein passenderes erfinden können, als das der bürgerlichen Unfähigkeit des Glaubens wegen.4‘ ״Unsere Zeit leidet an der doppelt kläglichen Erbschaft des Fanatismus und der Religionsveraclitiuig, obgleich sic selbst von beiden frei ist, und so treten Widerspruche hervor, die mau belachen müsste, wenn sie nicht zu beklagen wären. Während von der einen Seite das Bekenntniss einer geofFenbartcn Ileligion als die innere Bürgschaft clargcstcLlt'wird, die dem Staate seine wahre Bedeutung gibt, die das Verhältniss des Bürgers zum Staate begründet, wird von der anderen der Uebertritt zur herrschenden. Religion dringend anempfohlen als eine bequeme Form, bei der inan weder einen Glauben ablegt noch aimiimnt, bei der man nichts verehrt als die Vortheile, die der neue Glaube gewährt., nichts bekennt als den aufrichtigen Wunsch, dieser Vortheile theilhaft zu werden, nichts anbetet als den Götzen der Selbstsucht. Während die Heiligkeit des auf den Glauben an eine geolfenharte Religion gegründeten Eides noch als die anentbehrliche Bürgschaft für Treue und Glauben, als das letzte ernsteste ]Mittel gilt, das dein Gesetze zur Erforschung der Wahrheit zu Gebote stellet, so bürgt nichts dafür, dass nicht jener Eid der Eide, dass nicht das Bekenntniss dessen, bei dem alle Eide geschworen werden, als ein offenkundiger Meineid vor den Augen und nach" der moralischen Ueherzeuguiig aller Welt des Vort Keils wegen abgelegt, und dieser Meineid vom Staate mit Rechten und mit Würden belohnt werde.“ Ricsser wendet sich mm mit tiefer sittlicher Entrüstung gegen Jene, die um des zu erlangenden Vortheiles willen den Glauben ihrer Väter verlassen, und das Unwürdige dieses Schrittes etwa damit, dass ja der Staat diese UnWürdigkeit belohne und mit ahnliehen Motiven, beschönigen. ״Wir verachten jenen Jesuitismus der Aufklärung, der den Glauben wie das Gewand wechselt, der den Lama oder Fetisch, Mahoinmed oder Christus, der diesen nach den Lehren der katholischen Kirche, Luthers oder Calvins u. s. w. anzubeten bereit ist, je nachdem es die Umstände erheischen. Wahrheit, so denken wir, nicht Heuchelei und Lüge sollen an die Stelle des untergehenden Wahnes treten; die Opfer, die der Aberglaube nicht mehr heischt, 801len dem Gotte der Wahrheit und der Liebe, nicht dein Götzen der Falschheit und der Selbstsucht; sie sollen dem Wohls der 17*