Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 12 (1863)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Dr. Gabriel Riesser
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 4)
- Language
- German
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218 Dr. Gabriel Messer. wir nun unseren Blick auf den heutigen Zustand der Dinge, wie ihn der gegenwärtige Stand der Civilisation, insbesondere in Deutschland, erzeugt. An die Stelle der unveränderlichen Hinheit des Glaubens ist eine solche Mannigfaltigkeit individueller Ucberzeugungen getreten, dass es eine Thorhcit wäre, die sieh in der That׳ auch Niemand mehr zu Schulden kommen lässt, aus dem Glauben, in dem der Einzelne geboren ist und zu dem er sich, soweit cs der Staat verlangt, bekennt, einen Schluss auf seine innere religiöse Gesinnung ziehen zu wollen. Die zu einer Rellgions Veränderung nöthige 8. g. Aufklärung hat heutzutage eine grosse, täglich zunehmende Anzahl von Individuen aller Confessionen. Etwas anderes als eine Handlung des Eigen־ nutzes und der Bequemlichkeit sichet von der anderen Seite, in einer Glaubensänderung ohne die bestimmtesten Beweise, unter Hunderten kaum Einer. Was sich dem lucrativen Hebe!׳tritt zum herrschenden Glauben in unserer Zeit entgegenstellt, was seine Verwerfung durch die Redlichsten unter den ״Bekennen! der herrschenden wie der unterdrückten Religion bewirkt, was eine entschiedene, unverkennbare öffentliche Meinung gegen denseihen erzeugt, ist nicht ein Princip des Fanatismus, sondern es ist der einfache, ewig unveränderliche Grundsatz der Wahrheitsiiebe und der Redlichkeit, dass die Lippen nicht das hekennen sollen, was dem Herzen fremd ist — wozu sich heilige Pflichten der Treue und der Pietät gesellen, auf die ich später zurück kommen werde. Es ist demnach nicht mehr ein Kampf zwischen Glauben und Glauben, sondern zwischen Wahrheit und Trug, zwischen Redlichkeit und Falschheit, um den cs sich handelt; es ist die Frage, ob der Staat länger auf die Lüge, die entweder mit der Maske der Heuchelei erscheinen, od<?r sich nicht die Mühe des lleuchelns geben und ihre Hässlichkeit offen zur Schau tragen könnte, einen Preis setzen, ob er einen Zustand der Dinge soll währen lassen, der der öffentlichen Moral Hohn spricht, der die entschiedene Tendenz hat, Rechtlichkeit und Wahrheit nicht minder als Glaube und Gottesfurcht zum hohlen Worte zu machen. Wenn der Teufel ein System der Gesetzgebung zu erfinden gehabt hätte, darauf berechnet, die Menschen zu demoralisiren und eine freche Frivolität, die Gott wie die Wahrheit, den Glauben wie das Recht höhnt und das Heiligste mit Füssen tritt, zum herrschenden Geist macht, er