Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 12 (1863)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jüdische Dramen der Gegenwart [Rezension]
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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י)8 Ji'ikli.seJie Dramen Volke, das keine Gegenwart kennt, und, einem Janus gleich, mich zwei entgegengesetzten Richtungen, in die Vergangenheit und in die Zukunft, sehnsüchtig hinausschautי von einem Volke, das sich von allen Nationen ringsum isoliren und doch wieder ihnen anscldiessen möchte, das, wie in einem ewigen Zwiespalte, immer aus sich heraus und immer wieder zu sich zuriiekstrebt, — von einem Volke, das mit sich selber zerfallen, sich seiher untreu werden will. Das ist eine Saat•, aus der die dramatische Poesie, die vor allem die Dichtung der Einheit ist, keine lebensfähigen Früchte ziehen kann. Denn wie mühsam und wie künstlich auch der Dich־ ter diesen Zwiespalt übertünchen, diese brüchige Masse zusammenkitten mag: die Zerrissenheit und Zerfahrenheit eines gleichsam aus den Fugen strebenden Gemüthes wird stets wieder unter der Hülle licrvorbrechen. Auch hier wird man freilich schnell bereit sein, das Schlechte zum Guten zu wenden. Man wird wohl gerade diesen Mangel an Einheit, gerade dieses zwiespältige Wesen für einen Vorzug erklären, weil es einen tiefen Einblick in das Räderwerk der menschlichen Seele gewährt und unser psychologisches Interesse gefangen nimmt. In der Tliat ziehen uns solche Charaktere, die ewig mit der Welt und mit sich selber im Kampfe sind, und sich vergebens aus dein Zauberkreise dieses inneren Widerstreb tes herauszuringen suchen, wunderbar an. Aber wer wird es unternehmen, solche Naturen, die mit sich selber nie fertig, nie eins werden können, in ein Ganzes einzuordnen, ohne dass sie störend zwischen die einzelnen Glieder treten und der Harmonie und■ Geschlossenheit, die für ein Kunstwerk das oberste Gesetz ist, Eintrag thun? Das Drama vollends kann diese problematischen Naturen gar nicht brauchen; denn das Drama will Charaktere darsteilem wer aber unsicher hin- und herschwankt, wer seinen Schwerpunkt ausser sich sucht, weil er den eigenen verloren, der ist kein Charakter. Wenn wir nun mit diesen unseren Bedenken gegen ein jüdisches Tendenzdrama frei und offen hervortreten, so sind wir nicht in dem Wahne befangen, als vermöch-