Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 12 (1863)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jüdische Dramen der Gegenwart [Rezension]
- Date
- 1863-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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der Gegenwart. $3 Das jüdische Volk im Exil, ein Volk von Denkern und Duldern wie kein zweites, — wahrlich ein grosser Stoff für den Griffel eines Forschers und Sitte!lkcnners, aber nicht für die Muse eines dramatischen Dichters. Wie hehr und majestätisch stehet dieses Volk mitten in der tosenden Brandung; aber ach! cs rührt sich nicht, es darf nicht arbeiten, nicht ringen, nicht kämpfen. . Es ragt wie ein wetterfester Fels in die Wolken oder starrt auf uns hernieder, wie ein blasses MarrnorbiM, bei dessen Anblick uns Trauer und Schauer 1 iberkommt. liier setze die Geschichte ihren Meissei an und versuche ihre nachbildende Kraft, liier greife der lyrische Sänger zur Harfe und strenge seine zartesten Saiten, seine sanftesten Töne an, um den alten Schmerz, der in diesen gramdurchfurchten Zügen eingegraben scheint, in neuen Weisen auszugiessen. Aber in der Hand des dramatischen Dichters wird sich dieser Stoff immer spröde zeigen, und wenn sein schöpferischer Trieb nach bildsamen und gefügigen Keimen sucht, aus denen lebendige Gestalten und bewegte Gruppenbilder ersteben sollen, — so gehet er irre, wenn er sie hier zu linden meint. Wir brauchen nur einen flüchtigen Blick auf die Geschichte dieses unglücklichen Stammes zu werfen, und das Auge zieht sich krampfhaft zusammen und wendet sich ab, als fühle es die ganze Wucht dieses jahrtausend alten Jammers, der sich hier wie ein weites, einförmiges, todtes Meer vor lins ausdehnt. Während Israel in der Verbannung seinen Peinigern zum Trotz geistige Schopfungen in’s Leben rief und ■moralisch seine Sieger bcsiegte: war ihm in gesellschaftlicher und staatlicher Beziehung ein beweinenswerthes Loos geworden. Von der eisernen Hand der Unduldsamkeit zu Boden gedrückt und an Händen und Füssen gebunden, bietet es gleichsam den jämmerlichen und abstossenden Anblick eines Wurmes dar, der sich zuckend iin Staube windet. Von seinen Fröhnherren ängstlich überwacht und von jedem Eingreifen in die Geschicke der Völker sorgsam ferngehalten, bleibt ihm nichts anders übrig, als sich bescheiden in die Seitengänge zu flüchten, und in einem finsteren Winkelchen 7-