Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Philosophie der Juden
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 467 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Philosophie der Jaden. 467 jüdische Gelehrte, eine Art Gleichgewicht herzustellen zwischen Vernunft und Einbildungskraft, den beiden wesentlichen Bedingungen der prophetischen Inspiration. Es muss bemerkt werden, dass der directe Einfluss der activen Intelligenz sich auf die Vernunft und nicht auf die Einbildungskraft des Propheten erstreckt; sie verbreitet sich über die Einbildungskraft erst, nachdem sie die Vernunft durchschritten hat. Alsdann ist die Erscheinung vollständig. In derselben Zeit, in der die Einbildungskraft des Propheten in die Zukunft schaut, erfasst seine Vernunft das Wesen der Dinge und begreift durch eine freiwillige und unmittelbare Anschauung, was gewöhnliche Menschen erst mit Hülfe der Reflexion und einer langen Reihe Vernunftschlüsse erfassen können1). Nehmen wir eine der beiden Bedingungen der Prophetie weg, so verändert diese Erscheinung ihr ganzes Wesen. Bleibt •die ■göttliche Inspiration bei der Vernunft stehen, ohne sich bis zur Einbildungskraft zu erstrecken, so haben wir an Stelle eines Propheten einen einfachen Philosophen. Trifft umgekehrt diese Inspiration eine Seele, deren Einbildungs-׳ kraft stark, deren Vernunft aber schwach ist, so bringt sie nur einen jener untergeordneten Menschen hervor, die zugleich sich selbst täuschen und fromme Lügen verkünden, und die man Wahrsager, Augurn, Magier nennt. Daraus gehen die falschen Propheten hervor. Der wahre Prophet ist also ein zweifach höherer und zweifach von Gott inspirirfcer Mensch. Gleichwohl gibt es verschiedene Abstufungen in der prophetischen Inspiration. Maimonides zählt deren elf auf, die eine Leiter wachsender Vollkommenheit bilden. Die prophetische Inspiration ist anfangs nur eine Bewegung der Seele, ein Aufschwung, der befähigt, grosse Handlungen zu erfassen und Sprüche der Weisheit zu verkünden. Der Prophet spricht, er fühlt, dass die Worte, die seinen Lippen entfliessen, von einem Höheren kommen. An die Stelle der äussersten Aufregung tritt bald die Ruhe. Der Prophet )schlummert ein, er hat Träume. Daselbst p. 298.