Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1862)
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-10-01
- Page
- Seite 379 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Dr. Bernhard Beer. Tempels» und obwohl hier der Ausdruck ״Priester“ nicht ganz richtig ist» da jetzt die Priester nicht als Priester, sondern blos wenn sie. zufällig Schriftgelehrte und Vorsteher der Synhedrien waren, Einfluss auf die Gesetzesinterpretation hatten, so will ich diesen Irrthum hier nicht einmal besonders urgiren, sondern verweise vorläufig auf das, was ich später über Priestergewalt im Judenthume sagen werde, und halte mich jetzt blos an die Sache. Sie geben vor, durch das Festhalten am Buchstaben habe man das Fortschreiten verhindert, und das Gesetz zu einem äusseren, knechtischen gemacht, hierdurch sei Lüge und Heuchelei erzeugt worden u. 8. w. Ich frage Sie aber, oh nicht zur Zeit des ersten Tempels, wo das mosaische Gesetz fast gar nicht beobachtet wurde, Lüge, Heuchelei und noch viele andere grössere Laster herrsehend waren, wie aus den Mahnungen der Propheten sattsam erhellt!? Man kann also keinesweges behaupten wollen, dass die stricte Ausübung des Gesetzes jene Laster und Unbilden erzeugt habe, sondern der Satz muss umgekehrt werden: hei denjenigen, welche das Gesetz gar nicht, oder nicht gehörig, d. h. hlos zum Scheine beobachteten, herrschte Lüge und Heuchelei. Hieraus nun und nicht dadurch, ״dass der Buchstabe des Gesetzes stehen gebliehen war," entstand erst Werkheiligkeit oder knechtischer Sinn. Die Lehrer des zweiten Tempels eiferten aber ebenso gegen diese Ausartung, wie die Propheten der früheren Zeit. Antigonos von Socho (300 Jahre v. Ohr.) lehrte: ״Seid nickt.wie die Knechte, welche um des Lohnes willen dienen." Josua 8. Perachia (200 Jahre v. Ohr.) lehrte: ״Beurtheile alle Menschen (auch die Schuldigen) nach guter Seite," d. h. Lass’ die Liebe vorwalten; sie war also nicht — wie Sie angeben — in ״blinden Gehorsam des Gesetzes" übergegangen. — Hillel erklärte die Nächstenliebe für das Wesen des Gesetzes, alles Uebrige verhalte sich dazu nur wie ein Commentar zum Texte. — Kabbi Mei'r gab folgende .Lebensregel (Berachot ,17a): ״Bestrebe dich von ganzem Herzen und ganzer Seele, Gottes Wege zu erkennen und an den Pforten seiner Lehre fleissig zu weilen; bewahre Gottes Lehre im Herzen und Gottesfurcht habe stets vor Augen, hüte; den Mund vor Sünde, reinige und heilige dich vor jeder Art Schuld und Frevel, dann wird Gott mit dir sein an jedem Orte."