Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1862)
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-10-01
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829276-2829287-2859042--07168-2859088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Bernhard Beer. 371 weil die übrigen Menschen von Gott abgefallen seien, habe er sie verworfen und sich das israelitische Volk erwählt, das ihm ganz gehöre. Bios die historische Thatsache ist zu berücksichtigen, dass die Völker der damaligen Heidenwelt theils in einer solchen Versunkenheit sich befanden, theils auch neben selbiger noch durch abgeschlossene Kasten so in sich getrennt waren (wie Indier, Aegypter), dass ihnen in ihrer Gesammtheit selbst die Erziehungsfähigkeit abging, das Wahre und Gute aufzunehmen und zu bewahren; das israelitische Volk hingegen hatte die Basis reiner Erkenntniss schon von seinen Vorvätern ererbt, der Kern des Guten hatte, wenn auch von ägyptischer Hülle umkrustet, doch in ihm sich erhalten, darum wurde es zum Träger jener höheren Lehren und Wahrheiten berufen, welche die Glückseligkeit der ganzen Menschheit bedingen. Hierin und in nichts Anderem liegt das Motiv der Erwählung Israels, wie dies auch die Stelle Deut. 9, 4—6 für den* der die Bibel richtig zu lesen weiss, deutlich genug zu erkennen gibt. — Auch die alte jüdische Doxologie hat den Erwählungsr begriff so aufgefasst, indem es (in den Morgengebeten der Juden) heisst: ,,Du hast uns Deinem grossen Namen nahe gebracht durch Wahrheit, Dar zu huldigen und Deine Einheit in Liebe anzuerkennen." Dass übrigens diese Erwählung Israels eine mindere Berechtigung der anderen Völker nicht involviren sollte, beweist genügend die wiederholte Einschärfung, den, heidnischen Stämmen entspriessenden Fremden, wenn sie auch das mosaische Gesetz nicht angenommen hatten (Deut. 14,21), gleiche s Hecht (Deut. 1, 16. 27, 19) angedeihen zu lassen und gleiche Liebe mit den Stauungenossen (Exod. 23, 9; Lev. 19, 33. 34) zu erweisen. Das den Kindern Esau’s und Lot'8 überwiesene Erbtheil wird, obgleich sie sich dem Heidenthume zugewendet hatten, den Israeliten für unantastbar erklärt (Deut. 2, 5. 9). Das Judenthum hat darum auch nie die nichtisraelitischen Völker für abgefallen und verworfen betrachtet, der Be־^ griff einer ״allein" oder ״vorzugsweise seligmachenden Keligion‘f konnte nie in ihm Beifall finden, vielmehr wird den Frommen der Völker, wenn sie die noachidischen Naturgebote beobachten (Gen. 9, 4—6), Antheil an der ewigen Seligkeit, gleich den Israeliten, zugesprochen (Talm. Synhedrin 105 a).