Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1862)
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-10-01
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
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Dr. Bernhard Beer. 369 dem Menschen ähnlich vorgestellt werde.“ Glauben Sie jedoch wohl, dass, weil in den mosaischen und anderen biblischen Schriften, der Gottheit zuweilen körperliche Attribute oder menschliche Affecte beigelegt werden, das höchste Wesen wirklieh in dieser Form vorgestellt wurde? Wäre dies der Fall, weleher Widerspruch würde nicht herrschen zwischen dem schon in den Dekalog aufgenommenen und unzählig wiederholten Verbote, sich Gott unter irgend einer Gestalt oder Körperhülle vorzustellen, und manchen Ausdrücken, wie ״Augen Gottes" u. 8. w. oder phantasiereichen Darstellungen von den auf einem erhabenen Throne sitzenden Gotte u. 8. w., die ja auch noch in den späteren biblischen Büchern Vorkommen, wo die reinere Erkenntniss gewiss nicht zweifelhaft sein kann. So wenig aber, wie der die reinste Erhabenheit Gottes lehrende Jesaias, der ׳die Erhabenheit und Heiligkeit Gottes nur in der Ausübung des Rechts und der Tugend erkannte (des. 5, 16), das höchste Wesen auf einem Throne sitzend und von geflügelten Serafim umstehend wirklich sich materiell dachte, ebensowenig stellte sich Abraham, der ״den höchsten Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde" anbetete, dieses Wesen in beschränkter menschlieher Hülle vor. Das Judenthum blieb von der buchstäblichen Annahme 801eher Stellen stets fern, und gerieth dadurch nicht in die Klippen der christlichen Dogmatik. — Schon die ältesten jüdischen Lehrer stellen den Grundsatz auf, dass man sich durch die in den heiligen Urkunden befindlichen Ausdrücke und Darstellungen, welche dem höchsten Wesen körperliche Eigenschaften beilegen, nicht irreleiten lassen dürfe, als wolle die heilige Urkünde Gott wirklich in dieser Umhüllung vorgestellt wissen, sondern dass dies nur geschehen, um in der Einbildungskraft des Hörers oder Lesers eine lebhaftere Veranschaulichung desjenigen, was als Ausfluss des höchsten Wesens berichtet wird, zu bewirken. Und nicht nur der Verständigung und Versinnliehung willen, sondern auch, um einen grösseren moralischen Eindruck zu machen, ist jene der Körperwelt entliehene Dar- Stellung oft gewählt., So würde z. B. eine in abstracten Worten gegebene Lehre von der Allwissenheit Gottes nicht jene tiefe Wirkung auf das kindliche Gemüth des Naturmenschen gemacht haben, wie die Erzählung, dass Adam nach begangener Sünde