Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 341 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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341 Dr. Bernhard Beer» zum ,anschaulichen Bewusstsein zu bringen, sondern es auch mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu erfassen. Erklimmen auch Einzelne vielleicht die Höhe, schauen ״durch die Oeffhimg des Felsens, wenn die göttliche Herrlichkeit vorüberzieht“ (d. h. gelangen sie durch Vernunftforschung zur Kenntnis8 höherer Wahrheiten), 80 geschieht dies ja doch nur vom menschlichen unvollkoinmenen Standpunkte aus (וראית את אחרי)? das Wesen des Absoluten vermögen sie nicht zu .durchdringen (ופני לא יראן)• So ist es also nicht ״niedere Furcht“ und nicht ״selbstsüchtiges Hoffen auf Vergeltung,“ nicht ״blosser Glaube“ und nicht ״hochstrebendes Wissen“ allein, wodurch das Religiöse in uns wahrhaft sich offenbart und welche den Gottesfunken in uns brennend zu erhalten im Stande sind: ein innerer, frommer, uns angeborener gottesfürchtiger Sinn, den die hebräische Sprache Jirah (יראת oder vollständiger 'יראת שכד□, יראת ה oder יראה מאהבה) nennt, ist 68 vielmehr, dessen Aeusserung und Wirkung vor Allem dazu gehört, um irgend etwas, das wir denken, empfinden oder ausiiben, als religiös bezeichnen zu können. Dieser das Gemüth erfüllende gottesfürchtige Sinn, getragen von der innigsten Ueberzeugung des Daseins eines allmächtigen, allweisen und allliebenden höchst vollkommenen Wesens, das ich fürchte, weil ich es liebe, und das ich liebe, indem ich es fürchte, ist Wurzel und Boden aller Religion. Die Furcht vor Strafe muss in solche edlere Furcht und innige Verehrung Gottes sich auflösen, die Hoffnung auf Belohnung vor dieser in Liebe und Hingebung sich äussernden ״Ehrfurcht Gottes“ zurücktreten; Glaube und Vertrauen müssen auf sie sich stützen, Denken und Forschen mit ihr beginnen! Und diese Gottesfurcht ist es, welche die mosaischen Urkunden als erstes und wesentlichstes Erforderniss zur Beobachtung der Religionsgebote hinstellen! Den Geist, der alles Glauben und Wissen, alles Lernen und Handeln auf religiösem Gebiete durchdringen muss, concentrirt der göttliche Gesetzgeher in Gottesfurcht. — So heisst es Deut. 10, 12: ״und nun, Israel, was fordert der Ewige von dir, als den Ewigen, deinen Gott, zu fürchten, in seinen Wegen za wandeln, ihn zu lieben u. 8. w.“ Das ist kein blosses Abhängigkeitsgefühl, keine Furcht vor Strafe, denn Liebe soll ja damit verbunden sein Frankel, Monatsschrift-. XI. 9. - 26