Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829276-2829286-2858932--07084-2858990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Bernhard Beer. 333 Strömung durch Wort und Schrift5 eine Literatur ist daher vom Judenthuine unzertrennlich und bildet gleichsam , dessen notwendigen Abdruck. — Soll aber die Literatur so zu sagen eine schriftliche Interpretation des Geistes darstellen, so darf sie keine abgeschlossene sein; sie darf sich nicht auf einen Zeit-, raum beschränken, von dem die späteren Zeiten nur aufnehmen, ohne mit eigenem Geiste hinzuzuthun, sondern diese müssen das aus dem alten tiefen Schachte Gewonnene immer auf's Neue verarbeiten und in glänzendes Erz Umsetzern Alle die Ideen und Auffassungen, Begriffe und Sätze, Wahrnehmungen und Er- ■fahr ungen, die im Bereiche der jüdischen Lehre und des jüdisehen Lebens sich kundgaben oder Raum gewannen, insofern sie sich als Product des das Judenthum beherrschenden Geistes darsteilen, sind integrirende Theile des Judenthums und müssen in dessen Literatur Vertretung finden. — Auch die Meinungen der Minoritäten werden darum in Mischna und Talmud mitgeteilt, nicht etwa, dass man in der Praxis darnach sich richte: hier gilt ja Majorität als Grundsatz; nein, damit künftige Generationen einen Stützpunkt oder Anlehnungspunkt haben und sehen, wie der Geist der alten Zeit arbeitete, in welchen Meinungsdifferenzen er sich kundgab und man daraus lerne, mit eigenem Geiste zu forschen und für die Fälle, wo keine tradirte Entscheidung vorliegt, ein richtiges Urtheil sich bilde, analog den Aeusserungen früherer Lehrer." ״Es Liegt — fährt er an einer anderen Stelle fort — im geistigen und sittlichen Interesse eines jeden Gebildeten, von Dem, was den Geist der Zeitgenossen bewegt, was er schafft, die Begriffe und Wahrheiten, die er durch Schriften zum Bewusstsein, zur Klarheit oder zum Verständniss bringen will, Kenntniss zu nehmen, sowie je nach der Originalität und Eigentümlichkeit des zu Tage geförderten geistigen. Stoffes, und je nachdem er auf Cultur und Gesittung der Menschheit oder eines Theils derselben Einfluss übt oder zu üben berechtigt ist, sich näher mit ihm zu befreunden. Nun sind es die Wahrheiten und Lehrsätze der Philosophie, der Physik, Mathematik, Chemie, Mechanik, die Theorien der Künste u. 8. w., welche in anderen Literaturen ihren Ausdruck finden. Wo haben aber die Wahrheiten der Religion in ihrer Reinheit und Allgemeinheit, fern von Sophisr men philosophischer Schulen und von mystisch-phantastischen