Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Dr. Bernhard Beer. Wort Gottes von Jerusalem“ (Jes. 3 ,2׳). So sagen wir ja in unserem täglichen Morgengebete: ״Du.hast uns Deinem grossen Namen nahe gebracht (d. h. uns erwählt) durch Wahrheit, um Dir zu huldigen und Deine Einheit in Liebe anzuerkennen“ (also Annahme und Verkündigung der göttlichen Wahrheiten ist Zweck der Erwählung). Wenn daher neuerdings wieder Lutterbeck (die neutestamentlichen Lehrbegriffe I, 135) die ״Erwählung des israelitischen Volkes“ neben ״Gott“ und ״Gesetz“ als Grunddogma des Judenthums hingestellt, so irrt er; die Erwählung des israelitischen Volkes ist nur Ausfluss und Folgerung des Dogma'8 vom göttlichen Gesetze, denn kein Gesetz ohne Volk, ebenso wie kein Volk ohne Gesetz, wie ich Ihnen eben erläuterte; das israelitische Volk ist nur das Mittel zur Erhaltung der göttlichen Lehre, mithin im Dogma (wenn man 68 so nennen will) von der Offenbarung des göttlichen Gesetzes oder besser der Lehre mit enthalten. — Ebenso wie der Ausgangspunkt ist daher auch das Ziel, die Zukunft, die das Judenthum vor Augen hat, geistig; sowohl diesseits in zu erstrebender Vergeistigung und Versittlichung der ganzen Menschheit, als jenseits In Erwartung der höchsten geistigen Seligkeit für die Seelen der Frommen und Gerechten, wie dies in den Ihnen wohl bekannten Stellen des Mäimonides (Abhandlung ״von den Iiönigen“ am Schlüsse, und Abhandlung ״von der Busse“ c. 8) so schön dargestellt wird. — Glaube ich Ihnen also gezeigt zu haben, dass das Judenthum von seinem Ausgangspunkte bis zu seinem Ziele hin, den Geist im Gegensätze zur Materie unverrückt im Auge hat, dass sein Wesen und Beruf darin bestehet, das Geistige von dem .Materiellen zu sichten (oder wie die Doxologie sich ausdrückt, das Heilige — weil rein geistig sittlich — vom Unheiligen — Weil grob materiell — zu unterscheiden), Ersteres festzuhalten und zur Herrschaft zu bringen, bis es einst die ganze Menschheit erfüllt; zielt ein grosser Theil seiner Gesetze und Vor- Schriften ebenfalls auf diese geistige Bestimmung hin, wie Ihnen auseinanderzusetzen mich heute zu weit führen würde: so muss sich aus Allem ergeben, dass ebenso wie das griechisch - römisehe Heidenthum der bildenden Kunst, das Christenthum mindestens der Mitwirkung der schönen Künste zur Entfaltung bedurfte, so erheischt das Judenthum geistige Mittheilung, Aus-