Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829276-2829286-2858932--07082-2858988- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Bernhard Beer. 331 gefasste Geist, ist darum — wie die Altrabbiuen sinnreich allegorisch sich ausdrücken, ״der ganzen, materiellen Schöpfung vorangegangen“ (התורה קדמה לבריית עולם, veiesod. rabba c. 1); denn die ganze Natur wird vom Geiste bedingt! Aber noch mehr, auch ״dem Throne der göttlichen Majestät ist die Lehre vorangegangen“ (־(התורה קדמה לכסא הכבוד äa8 heisst, ״Gott musste erst geistig, wie er sich in seiner Lehre kundgibt, erkannt werden, ehe wir ihn aus seiner Wirksamkeit in der Natur (d. i. der Thron der göttlichen Majestät, vgl. Moreh Nebuchim I, 9) zu erfassen im Stande sind." — Damit nun aber die- 8er in Worten gleichsam aufgefangene und in Schriften festgehaltene Geist nicht etwa verkruste oder versteinere, sondern immer Aussig erhalten bleibe und die Menschheit durch ihn und an ihm sich belebe, bedurfte es noch eines besonderen Trägers oder Gefässes; es musste vor Allem im Bewusstsein aufgenommen werden, dass eine durch gleiche Abstammung und Erinne״ rungen, durch gleiche Anschauungen und Pflichten möglichst homogene und darum zur Erstrebung desselben Ziels sich hesonders eignende Gemeinschaft berufen sei, um aus der Quelle jenes Geistes, der göttlichen Lehre, unaufhörlich zu schöpfen, diesen Geist in sich aufzunehmen und mit dem eigenen Geiste zu durchdringen und zu beleben, ihn so von Geschlecht zu Geschlecht zu tragen, bis die ganze Erde davon erfüllt sein wird, wie Wassertropfen das Meer bedecken. Dies ist die Idee der Erwählung des Volks Israel; darum heisst es in der angezogenen Midraschstelle, ״dass diese Idee der aller anderen Träger des Geistes vorangingמחשבתן. של ישראל קדמה לכל) ״ דבר)• Die in den heiligen Büchern niedergelegten hohen Lehren und Wahrheiten würden einflusslos und unwirksam, daher ohne Bedeutung geblieben sein, wenn der menschliche Geist (hier personificirt als ״Volk Israel") nicht da wäre, sie in sich aufzunehmen und zu verarbeiten. — Sie sehen hieraus auch, w. Freund, wie der Erwählungsbegriff, der so häufig zum Stein des Anstosses ward, durchaus keine materielle Bedeutung hat, sondern rein geistig zu fassen ist. Der Geist bedurfte eines Gefässes, das ist der Lehre oder heiligen Schrift, und diese bedurfte zur Handhabung das israelitis che Volk, damit einst die ganze Menschheit davon durchdrungen werde, ״denn von Zion wird ausgehen die Lehre, das