Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829276-2829286-2858932--07080-2858986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Bernhard Beer. ' 829 oder Menschenbild festzuhalten sucht. Ist für ihn das Höchste innerhalb der, Natur enthalten, so kann auch sein Ziel- und Strebepunkt über diese Schranke, über Beförderung natürlichen, materiellen Wohlseins,!nicht hinausgehen. Auch im Jenseits waren es dieselben irdischen Freuden, die der Schatten wieder antraf. Jede Stadt, jedes Land, jedes Volk hatte eigene Gott- Leiten; ein universelles geistiges Band umschlang die Menschheit nicht. — Das colossale das8ische Schriftenthum, das wir heidnischen Völkern verdanken, ist die geistige. Ausbeute jener grossartigen griechisch-römischen Individualitäten und Nationalitüten, nicht ihrer Religionslehren, wenn auch religiöse Mythen, gleichsam als belebte Plastik, ihren Widerhall darin fanden. Homer’s und ־'Virgil’s erhabene Poesien würden blos als Ausdruck religiöser Doctrinen des Alterthum8 das geistige Interesse der späteren Generationen nicht haben fesseln können; Schilderang der Sitten und Charaktere, der Kämpfe und Zustände der Altvorderen war, es, die nebst der einfach-erhabenen poetischen Form für ihren Inhalt vornehmlich begeisterte. Das Christenthum, nach seinem Auftreten das Heidenthum zu bewältigen sich berufen fühlend und es daher theilweise in sich aufzunehmen genöthigt, konnte sich auch von einem materiellen Ausgangspunkte nicht trennen. Ist ihm die Gottheit zwar nicht partiell oder räumlich begrenzt, so manifestirt sie sich ihm doch eigentlich erst durch Incarnation. Nicht der Geist an sich, sondern erst in seiner Menschwerdung, in seiner Um- Schliessung von einer körperlichen Hülle, ist ihm das Höchste. (Vgl. Lutterbeck, die neutestamentlichen Lehrbegriffe I, 138.) Offenbarung durch Wort und Schrift stehet darum im Christenthume der sichtbaren Erscheinung des höchsten Wesens in der Sinnenwelt nach. Die erhabenen Kunstgebilde, die hohen Dome, welche das Mittelalter erstehen sah, waren darum reinere und zuverlässigere Träger des damaligen Christenthums, als seine, doch nur ein Amalgam jüdischer und heidnisch-philosophischer Begriffe bildende Literatur. Und das europäische Schriftenthum, das seit Wiederherstellung der Wissen8chatten im löten Jahrhunderte zu neuer Glorie sich erhob, ist, obwohl Ideenent־׳ faltungen und Ereignisse, die im Gebiete des Christenthums vorgingen (wie z. B, die Reformation), es zuweilen trugen und heförderten, doch ein specifisch-christliches nicht zu nennen. —