Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1862-01-01 · Heft 7 · p. Seite 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
11 (1862)
Issue
Heft 7
Article
Dr. Bernhard Beer
Date
1862-01-01
Page
Seite 262 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829276-2829284-2858712--06925-2858780
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

262 Dr. Bernhard Beer. Quellen fliesst: aus Judenbesonders Religionshass und Intoleranz; aus einem nicht freisinnig genug erwogenen Streben für das eigene Interesse und aus einer zu weit getriebenen ängstlichen Besorgniss für dasselbe; aus Irrthum, und endlich am allgemeinsten aus einer gewissen Aengstlichkeit und Besorgniss, die sich überhaupt gar keinen Grund anzugeben weiss, die aber eine Stütze findet in dem allgemeinen Vor uriheile.“ Er fuhr hierauf fort: ״Ich empfehle Ihnen zunächst: Seien Sie grossmüthig; Grossmuth ist niemals und nirgends das Eigenthum der Menge gewesen. Die grosse Menge hat immer einen, ich möchte sagen angeborenen Trieb, eine heimliche nicht auszurottende Neigung, Druck und Gewalt zu üben. Sie finden dies in allen Verhältnissen, bei allen Nationen. Eingeengt durch Regierung und Gesetz, suchen die grossen Massen vermöge jenes Triebes, der daher auch wohl hin und wieder zu den rohesten Ausbrüchen führt, stets gern an dem Gegenstände Rache zu nehmen, der weniger von dem Gesetze geschützt ist. Daher sehen wir überall eine vorgefasste Meinung, eine feindselige Gesinnung und Handlungsweise, sei es gegen ein unterdrücktes Volk oder eine geringere Kaste, sei es gegen eine andere unterdrückte Gesellschaft. Es beweist dies die Geschichte aller Zeiten, und es ist eine traurige Erfahrung, dass jener Trieb gerade da, wo die bürgerl. Verfassung am freiesten ist, in der Regel am meisten hervortritt, und dieser Druck gegen eine gewisse Klasse am härtesten geübt wird. Ich beziehe mich, um nur die Vergangenheit anzuführen, auf die Griechen und Römer, welche Staatsverfassungen hatten, die gewiss nicht freisinniger gedacht werden können, und da erinnere ich an den Zustand der Heloten und 8davon. Konnte bei so freisinnigen Völkern eine solche Richtung des Geistes vorherrschend sein, so ist nicht zu verwundem, dass überall auch heute in allen Ländern die allgemeine Richtung des Sinnes der Menge nicht Grossmuth zum Ziele hat. Aber Sie, meine Herren, Sie, die Erwählten der Nation, durch das Vertrauen des Landes hierher berufen, Sie stehen auf einem höheren Standpunkte, über den Vorurtheilen der Menge. Sie werden Grossmuth üben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.