Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Haftara
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Die Haftara. glaubt, ist jedenfalls nur Vermuthung und scheint mir nicht sehr wahrscheinlich. Ich glaube deshalb, dass an der historischen Erklärung festzuhalten sei. Die dagegen gemachten Einwürfe sind meines Erachtens leicht zu beseitigen, wenn man das Geschichtliche nicht, wie dieses bis jetzt geschehen ist, so versteht, als ob die Haftara für das Vorlesen aus dem Pentateuche habe Ersatz bieten sollen, sondern dass schon damals diese Prophetenstücke neben den Pentateuch-Abschnitten vorzulesen man sich veranlasst gesehen habe. Dieses näher zu beleuchten und zu begründen scheint mir umsomehr der Mühe werth, als auch ein praktischer Gewinn aus diesem Vorgänge für unsere Zeit zu ziehen, und das Wort מפטיר auf eine — wie mir scheint — befriedigendere Weise zu erklären sein wird. Man weiss, dass das Gesetzesstudium nicht blos als eine allgemeine, für jeden Israeliten bestehende, sondern auch zu jeder Zeit zu beobachtende Vorschrift angesehen worden ist: והגית בו יומם ולילה ,)Du sollst dich damit beschäftigen Tag und Nacht.“ Siehe Rambarn Hilchoth ת״ת I- 8; Smag, II, 12. Das Unmögliche der praktischen Ausführung ist indessen frühzeitig schon erkannt und zugestanden, worden. Um aber den Zwiespalt zwischen Lehre und Leben zu vermeiden, lehrte Rabbi Simon b. Jochai: אפילו לא קרא אדם אלא ק״ש שהרית וערבית קיים מצות לא ימוש ספר התורה הוה מפיך. R. Jochanan meinte zwar, man dürfe das nicht von dem Idioten (ע״ך־ן) sagen, aber Rabe sagt: 68 <מצוה לאומד' בפני ע״ח wäre Pflicht, dem Idioten es zu sagen1). Ein anderer Beleg hierfür ist folgender Midrasch: Rabbi Elieser sagt: Israel spricht vor Gott: Herr der Welt, wir möchten gerne Thora lernen Tag und Nacht, aber — wir haben keine Zeit (אי| למ פנאי)> da spricht Gott: Haltet das Gebot der Tefillin, und ich will es euch anrechnen, als ob ihr Tag und Nacht euch mit der Thora abmühtet; Rabbi Josua sagt, das Lesen des Sch’ma stellt die Schrift so hoch, als habe man den ganzen Tag sich mit der Thora beschäftigt u. 8. w. (Siehe Jalkut II, S. 89 d.) Die Reduction der Vorschrift des Gesetzesstudiums auf ein solches Minimum darf übrigens nicht befremden. Den Schriftgelehrten der Vorzeit lag daran, dass der Buchstabe des Ge- *) Vide Menachoth fol. 99 b.