Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 11 (1862)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Dr. Bernhard Beer
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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Dr. Bernhard. Beer. 91 gions- und Racenhass und andere ähnliche Motive üben Einfluss und hallen bis in die tiefsten Schichten des Volkes nach. Es wurde ■nicht selten von tiefer .blickenden Juden die Frage aufgeworfen, ob die Verhandlungen über Judenemaneipation in constitutioneilen Staaten nicht durch ihre moralischen Nachtheile den etwaigen ׳materiellen Gewinn an Rechten aufwiegen. An dein Juden der Neuzeit ist die allgemeine Bildung nicht spurlos vorübergegangen, er nimmt Theil an Kunst und Wissenschaft, nimmt die Schöpfungen der Literatur in sich auf und hilft selbst schaffen. Es ist nun aber auch in ihm ein neues Verlangen erwacht, er beansprucht Achtung von aussen; die Verhöhnung, die ihn als Juden trifft, berührt sein Gefühl um so schmerzhafter, als er nun im Leben stehet und Werth auf die öffentliche Meinung legt. Der frühere Jude verhielt sich mit Recht gleichgültig gegen das, was man von ihm dachte; die um ihn her sich allgemein kundgebende Rohheit, die an Zügellosigkeit grenzende Schlaffheit der Sitten in den oberen Ständen und die Verthiertheit des Mittelalters in den unteren Schichten waren nicht geeignet, ihm Achtung vor der äusseren Umgebung einzuflössen. Mit Recht konnte er sich sagen, er stehe sittlich viel höher als seine Bedrücker und überrage sie auch im Bereiche des Wissens: ihnen ging in ihrer grösseren Mehrheit jede Ahnung des intellectueilen Strebens ab, der Jude forschte wenigstens auf dem geistigen Gebiete, seiner Theologie, und es wuchs kein Kind heran, ohne die die geis'tige Communication zwischen Vergangenheit und Gegenwart und der Gegenwart in sich selbst vermittelnde Kenntniss der Buchstaben. Es ist ein bedauernswert!)er Irrthum mancher an sich wohlmeinenden Autoren, in den Juden des Mittelalters eine verworfene Menge zu erblicken, die höchstens ein Mitleid über die an ihnen verübten Grausamkeiten beanspruchen können. Die Aussenwelt jener Zeit den Juden gegenübergestellt, die Keuschheit und Sittlichkeit, die hier bewahrt, dort mit Füssen getreten wurden, die Massigkeit und die Tugenden des Familienlebens, die sich in die finsteren Ghetto’s und die engen Wohnungen der Juden geflüchtet zu haben schienen, müssten denn