Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1861-01-01 · Heft 8 · p. Seite 315

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
10 (1861)
Issue
Heft 8
Article
[Rezension]
Date
1861-01-01
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829262-2829271-2857917--06228-2857961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

\ Recensibnen und Anzeigen. 315 dass wenigstens im Augenblick■ der Dichtung eine . völlige Hingebung an die Religion oder die religiöse Anschauung, in weleher das zu behandelnde Moment wurzelt, des Dichters in dem Grade sich bemächtigen muss, als siei geeignet ist, in dem Leser oder Hörer eine gleiche Wirkung und dadurch eben das Interesse an der Dichtung selbst, hervorzurufen. *Mag auch die subjective Auffassung'— wie sie überall der Spiegel ist, von welchem die Dichtung reflectirt — auch bei der Behandlung xeligiöser Stoffe nicht unterdrückt werden können, bis zu einer scharf hervortretenden Kritik der positiven Religionsform, der die zu behandelnden Stoffe entnommen sind, darf sie sich nicht steigern. Denn die Kritik wird immer nur auf Kosten der Begeisterung sich geltend machen können und den poetischen Schwung auf Didaktisches■ herab drücken. Zu dieser Betrach-, tung, welche uns bereits die früheren literarischen Pröducte des Herrn Verfassers nahe gelegt haben, leitete uns besonders die Lectüre des ״Primators" und des ״Nachgesangs." Es herrscht in diesen Dichtungen,, deren mannigfache Schönheiten wir nicht verkennen, eine .kritische Manier,, die eine schwankende. Ber leuchtung erzeugt und Nichts in rechtem Lichte und in rechtem .Schatten zeigt. Der ״Primator" י— d. i. der Richter der jüdischen Gemeinde zu Prag י— wird bei einem Bankette des Burggrafen getauft.׳ Das ist der Vorwurf des Gedichtes, der in einzelnen Partieen recht interessant behandelt wird; aber man erfährt nicht gan^׳ genau, wie die Selbstbestimmung des Primators sich zu dieser Apostasie verhält. Nimmt er den Namen eines Christen nur gezwungen oder bereitwillig an? Darüber herrscht ein unbehagliches Halbdunkel, das die Gestalt des Primators, die ursprünglich den Vordergrund einzunehmen bestimmt schien, .endlich dem Gesichtskreis und der Theilnahme des Lesers ganz entzieht.‘ Eine ebenso verschwommene Gestalt ist der getaufte ״Mönch," in welchem die undenkbare Vereinigung der schroffen Gegensätze, eines glühenden Fanatismus für das Chri- . stenthum;und einer warmen Theilnahme für das Geschick der Prager Judengemeinde, durch den nach seinem eigenen Uebertritt ־erfolgten Tod ,seiner Eltern nur schwach motivirt erscheint. Nicht minder unklar ist der Vater des Primators gezeichnet: Dieses unsichere Schwanken und dieser Mangel an imponirendem Ernst sind Erscheinungen, von welchen man bei den Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.