Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1861)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Lewi ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
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300 Lewi ben Gerson (Gersonides) muss als Erkenntniss in einer Intelligenz vorhanden gedacht werden, von der die Mittheilung an den Propheten oder in anderer als prophetischer Art die Zukunft Wissenden ausgeht. Nun bezieht sich dieses Vorherwissen in der Regel auf Dinge und Ereignisse, die wir als ־״möglich“ .bezeichnen. Ist es nun möglich, alles blos ״Mögliche“ vorherzuwis8en, so hört es auf, ein Mögliches zu sein und wird ein Nothwendiges. Wie sollen wir nun die menschliche Willensfreiheit erklären, wenn Alles, was den Menschen irgendwie treffen kann, bereits so weit bestimmt ist, dass es als Erkanntes in einer Intelligenz vorhanden und Gegenstand der Mittheilung an die von Natur oder sonst dazu Befähigten werden kann? Was bedeuten alsdann überhaupt die Ausdrücke ״zufällig“ und ״von ungefähr“? Und dennoch wird man thatsächlich oft bezogen, an ein solches Geordnet- und Bestimmtsein des Zufalles und des Ungefährs zuglauben, wenn man auf das consequente Gelingen und das consequente Misslingen in den Schicksalen mancher Menschen achtet. Auch, meint Gersonides, ist es wohl richtig anzunehmen, dass gerade wegen der ausgezeichneten Natur des Mensehen und damit er mehr gehütet und geschützt sei, als die niedrigeren Existenzen, alle Himmelskörper sich so weit betheiligen an seiner Hütung und Leitung, dass seine Schicksale, ja Gedanken und Thaten in gewisser Weise durch sie bestimmt seien.־ Die Mittheilungen der Astrologen sind daher oft wahr, und wenn sie auch ziemlich oft sich nicht bewähren, so liegt das an der Schwierigkeit einer sicheren Erfahrung auf einem Gebiete, wo eine ausreichende Erfahrung so gar nicht zu erzielen ist. Freilich aber wird dann das Problem noch schwieriger: Was haben wir uns unter dem ״Möglichen“ zu denken? und: Wie verhält sich die menschliche Freiheit zu diesem Bestimmtsein des Möglichen? Nun, meint Gersonides, es gibt nur einen Ausweg. Einerseits nämlich sind Schicksale,. Neigungen, Gedanken und Thaten der Menschen von der Constellation abhängig, andererseits ist Vernunft und Willensfreiheit des Menschen im Stande, das von den Himmelskörpern Bewirkte zu durchkreuzen und aufzuheben. Auch lässt sich für dieses doppelte Princip menschliehen Thuns ein vernünftiger Zweck angeben. Denken wir uns nämlich, die blosse Willensfreiheit entschiede in der Wahl des