Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1861)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Lewi ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 8)
- Language
- German
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144 Lew! ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph. Nachdem Gersonides so seine Ansicht über Unsterblichkeit dargelegt, prüft er die ■Möglichkeit einer noch höheren Glück- Seligkeit, welche Andere behauptet hatten, nämlich die vollständige Erkenntniss des allgemeinen Geistes, das volle Einswerden mit demselben. Averroes selbst, sagt Gersonides, hat dafür, wie von der Wahrheit gezwungen, eine Bedingung aufgestellt, die sich leicht als unerfüllbar darthun lässt. Diese Bedingung ist, dass wir sämmtliche Erkenntnisse, die der allgemeine Geist hat, und zwar nach der Seite ihres Wesens, nach welcher sie eine Einheit bilden {siehe oben) erkennen. Dass das aber unmöglich sei, ergibt folgende Betrachtung. Wir müssen den Weg der Erfahrung gehen, um den geistigen Inhalt zu erobern. Eine vollständige Erfahrung aber ist eine nicht realisirbare Idee. Es gibt Thatsachen, die unsere Sinne nicht erreichen können. Nicht einmal der menschliche Körper kann bis zu der Genauigkeit erfahren werden, dass daraus eine geistige Erkenntniss wird, wie sie im schöpferischen Verstände 'des allgemeinen Geistes als vorhanden angenommen werden muss. Dazu kommt noch, dass, selbst unter Voraussetzung einer vollkommenen Erfahrung, die Synthesis derselben zu einesm einheitlichen Zwecke, der doch nothwendig anzunehmen ist, unmöglich wird. Müssen wir uns daher so mit der angegebenen Art der Un- Sterblichkeit begnügen, so ist doch noch auf Einiges zu antworten. Man kann fragen: 1) Was Neues resultirt daraus, dass wir erkennen, was ja schon erkannt im allgemeinen Verstände ist. 2) Wenn jede unverlierbare geistige Erkenntniss zweckhaft ist, so haben wir eine Reihe von Zwecken, nicht einen Zweck. 3) Wozu die Erwerbung vieler geistigen Erkenntnisse, wenn doch unsere Fortdauer schon durch eine gesichert ist. Nun, meint Gersonides, die Antworten sind leicht zu geben. Die Frage, was Neues resultirt aus dem Erkennen des schon Erkannten, ist kaum ernst gemeint. Denn uns ist es neu und un- 8 ere Glückseligkeit wird dadurch erzielt. Die zweite Frage, ob denn der Mensch eine Reihe von Zwecken, nicht einen einheitlichen Zweck habe, verkennt die• Natur des erworbenen Ver- Standes und der geistigen Erkenntnisse. Sie bilden eine Einheit, da sich eine zur anderen wie Bedingung zur Erfüllung, wie Mittel zum Zweck verhält. Damit ist aber auch die dritte Frage beantwortet. Die Stufen der jenseitigen Glückseligkeit sind