Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1861)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Lewi ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 9)
- Language
- German
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145 Ansichten altgriechischer Weisen im Talmud. nämlich verschieden je nach den Graden der erreichten Erkenntniss. Durch fortschreitende Erkenntniss wirkt sich ein Geist von höherer Vollkommenheit aus. Aber nach dem Tode kommt noch Eines hinzu. Im Leben herrscht der innigste Rapport zwischen Geist und Seele. Nur schwer gelingt es dem Geiste, isolirt thätig zu sein. Sowohl beständig dagegen, als auch zugleich und zumal ist nach dem Tode der Geist im energischen Besitze seiner Erkenntnisse. Denn insofern im Leben die Seele eine Einheit bildet, die den Geist mit umfasst, kann der Geist nicht thätig sein, wenn eine der übrigen Seelenkräfte in. Thätigkeit ist, und selbst wo der Geist isolirt denkt, kann er doch nur eine Erkenntniss auf einmal denken. Diese — um mit den Neuern zu reden — Enge des Bewusstseins hält Gersonides nur für das Sinnenleben gültig. Der von Seele und Leib befreite Geist denkt alle seine Erkenntnisse auf einmal und als Einheit. Nur neue Erkenntnisse zu erwerben ist er ausser Stande. Gersonides schliesst, indem er in den Ansichten der Midraschim Belege für seine Meinung sucht und mit der Versieherung, dass nur die Ueberzeugung, seine Ansicht sei mit der wahren Ansicht der jüdischen Lehre in keinem Widerspruche, ihn bewogen habe, sie auszusprechen. (Fortsetzung folgt) Ansichten altgriechischer Weisen im Talmid. Dass metaphysische Ideen und Naturansehauungen altgriechischer Philosophen, verschleiert und unverschleiert, häufig im Talmud Vorkommen, ist bereits von Mehreren gezeigt worden. — Schon Mendelssohn bemerkt (in seiner Preisschrift über die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften, ges. Schriften Bd. II. S. 10), dass die Ansicht Plato'8, ״wonach unsere Seele Alles, was sie in diesem Leben erfährt, in einem anderen Zustände vorher gelernet und gewusst habe, und die sinnlichen Eindrücke nur die Anlässe oder Gelegenheiten seien, bei welchen sich die Seele des Vergessenen wieder erinnert," mit dem talmudischen Ausspruche (Nida 30b), ״ die Seele habe vor diesein Leben die ganze Welt begriffen" (למלמדין אותו כל התורה כולה), heim Eintritt in dasselbe aber Alles wieder vergessen (כיון שבא לאויר העולם בא מלאך וסטרו על פיו ונזשכהו כל התורה כולה) übereinkommt.