Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 10 (1861)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Lewi ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 7)
- Language
- German
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Lewi ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph. 143 Grund der Existenz, anzusehen. Unser erworbener Geist ist eine Wirkung des allgemeinen Geistes, vermittelt durch die sinnliche Wahrnehmung. Ein Künstler hat ein Kunstwerk gemacht. Durch Anschauen des Kunstwerkes kommt ein Anderer auf die Conception, wie sie in der Seele des Künstlers war. Auch wenn das Kunstwerk nun abhanden kommt, bleibt die Erkenntniss der künstlerischen Conception bestehen. Das Einzige, was man behaupten muss, ist Folgendes: Ist einmal die Anschauung des Sinnlichen das einzige Mittel für den Menschen, um die geistige Ordnung, wie sie in dem allgemeinen Verstände besteht', zu erkennen, so kann nach dem Tode der mensck liehe Geist keine neue Erkenntniss erwerben. Dass aber der menschliche Geist seihst, das rein geistige Produkt eines rein geistigen Faktors, vergehe, ist eine falsche Behauptung. Doch zieht Gersonides noch eine psychologische Erfahrung bei Seelenstörungen in Rechnung, die gegen seine Ansicht zu sprechen scheint. Menschen, meint er, deren Vorstellungen (sinnliche Denkbilder) durch Krankheit Schaden genommen haben, scheinen auch die auf diese sinnlichen Schemata zurückgehenden geistigen Erkenntnisse zu verlieren. Somit scheint die sinnliche Vorstellung die dauernde, nothwendige Bedingung für die geistige Erkenntniss zu sein, auch nachdem diese geistige Erkenntniss bereits unser Eigenthum geworden. Er beantwortet diese Frage dahin, dass hei der Einheit des Seelenlebens die erworbenen geistigen Erkenntnisse allerdings in uns wie vergessen ruhen, bis das sinnliche Denkblld die entsprechende geistige Erkenntniss so zu sagen ruft. Ist nun. das sinnliehe Denkbild durch Krankheit verloren gegangen, so scheint allerdings auch die geistige Erkenntniss verloren. Es braucht aber nur Heilung einzutreten, und wir befinden uns ohne nochmalige Forschung wieder im Besitze der, weil ruhenden, darum verloren geglaubten Erkenntnisse. Beaclitet man letzteren Umstand, so folgt gerade aus der Erfahrung bei eingetretenen Seelenstörungen das Umgekehrte, nämlich dass die rein geistige Erkenntniss nicht vergessen werden kann, sondern bleibt. Die andere Behauptung aber, dass, wenn die Seele vergehe, auch das, was ihre Vollkommenheit constituirt, vergehen müsse, ist grundlos, da eben der Geist eine solche .Entelechie der Seele ist, die mit ihr in Rapport steht, ohne mit ihr gemischt zu sein.