Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1860)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Über Princip und Gebiet der Präsumtionen nach talmudischer Lehre
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 3)
- Language
- German
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232 « Wissenschaftliche Aufsätze. mächtig gestaltender Grundgedanke, so werden wir den Talmud nimmer aus ihm selbst begreifen, gleichwie wir den letzten Theil einer zusammenhängenden Erzählung nicht verstehen, wenn wir nur ihn und nicht den Anfang kennen. Wir müssen daher vor der Darlegung der Präsumtionen des Talmuds um fast 2000 Jahre zurückgehen zu den Präsumtionen der Bibel, um aus diesen jene verstehen zu. lernen. In der biblischen Zeit zeigen sich nur die schwachen Keime des später weithinragendeu Baumes. Die Beweistheorie ist die natürlichste der Welt. Zwei Zeugen entscheiden jede Sache 5 6). Ein Zeuge beweist nichts im Criminalrecht8), bewirkt einen Eid in Civilsällen 7). Das ist die Grundlage des rechtlich vollen Beweises. Auch zeigen sich schon die Ansänge der rechtlichen Präsumtionen. Allerdings der unentwickelten Zeit konnte eine, in allen Nuancen vollendet« Theorie nicht angemessen sein. In solchen erst halb gebildeten Zeiten entscheiden keine abstracten, nur den Denker überzeugenden Gründe, da gelten nur die concretesten, einfachsten Beweise. Daher sind in der Bibel nur die äußerlichsten Präsumtionen vorhanden, und auch diese meistens implicite in den concreten Rechtsfällen, nicht als theoretische Formeln von ihnen abgelöst. Doch sind hiermit die natürlichsten und wichtigsten Regeln schon gegeben und so, wie auf allen Gebieten der religiösen Lehre, gleichsam die Felder abgesteckt, in welche die spätere Zeit ihre Saaten streuen sollte. Die Präsumtion der Mehrheit wird als beweisend hingestellt. Der Talmud zählt 8) eine ganze Reihe von , Gesetz es bestimmungen auf. die nur durch die Annahme dieser Präsumtion sich rechtfertigen lassen. So muß die Hinrichtung des Sohnes, der seinen Vater schlug (מהד? אביו ואמו), auf dem Satze beruhen, daß die meisten Kinder ehelich geboren sind (9(רוב בעילות אמה מבעל). Sonst könnte man ja besorgen, es sei gar nicht der Vater gewesen, den er geschlagen habe. Eine, der Wahrheit ähnliche Präsumtion ist die der Nähe (רוב)?) *), welche darauf beruht, daß man, wenn es 5) Deut. 17. 6. 19, 15; vgl. Frankel a. a. O. S. 142 ss. 6) Num. 35, 80. 7) Nach einer sehr naheliegenden Deutung der Lezeichneten biblischen Stellen Schebuot 40 a. Ketubot 87 d. 8) Chulin 11, a, b. 9) Das. 1) Deut. 21, 3.