Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1860)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Etwas über den Einfluß der jüdischen Philosophie auf die christliche Scholastik
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 Etwas üb. d. Einfluß d. jüd. Philosophie ans d. christl. Scholastik. Die scholastische Philosophie beginnt bekanntlich, wenn man die unbedeutenden, namentlich aber nicht nachhaltigen Spuren philosophischer Regsamkeit unter den Karolingern unberücksichtigt läßt, mit dem 11. Jahrhundert, erreicht ihren Höhepunkt im 13. und verfällt im 14. und 15. Den bezeichneten Höhepunkt repräsentiren die kolossalen Arbeiten der Dominikaner Albertus Magnus und Thomas von Aquino, und des Franziskaners Duns Scotus. Aber zwischen den Arbeiten dieser Männer und denen der vorausgehenden Zeit, z. B. des Petrus Lombardus, ist eine Kluft, die nur durch Berücksichtigung des mächtigen Jmpulsus ausgefüllt werden kann, den die durch Juden vermittelte Bekanntschaft mit Aristoteles und seinen arabischen und jüdischen Auslegern und Fortsehem geübt. Seit Jourdain's trefflichen Untersuchungen stnd wir nämlich ziemlich' ׳genau' über den Rest aus der alten Philosophie, unterrichtet, über welchen das christliche Mittelälter vor seinem wissenschaftlichen Contacte mit den Arabern zu verfügen Hatte. Man kannte zu allen Zeiten die philosophü scheu Werke des Cicero, das philosophische Lehrgedicht des'Lucrez, die quaestiones naturales des Seneca, die Schriften des Apulejus, des Cafsiodorus und des Boethius. Namentlich ist es dieser letztgenannte, durch dessen noch im Geiste alter Classicität gearbeiteten Uebersetzungen der logischen Schriften des Aristoteles, des sogenannten Organon's, das Mittelalter in den Stand gesetzt war, in Aristoteles den Meister der Logik zu verehren und zu benutzen, lange bevor es mehr als eine höchst ungenügende Vorstellung von dem eigentlichen Wesen der Aristotelischen Philosophie hatte. Denn eine solche ungenügende Vorstellung konnte man allerdings schon in sehr früher Zeit aus׳ einer Sammlung von Sätzen holen, die compendiarisch die Lehre des Aristoteles enthielten und wahrscheinlich ebenfalls auf Boethius zurückzuführen sind. Anders stand es mit Plato. Seine Doctrin beherrscht die Kirchenväter, und, abgesehen von dieser wenn auch nicht ganz ungetrübten doch reichen Quelle für die Kenntniß des Plato, las man schon im 11. Jahrhundert den Timäus des Plato in lateinischer Uebersetzung. Der Zeitpunkt nun, wo eine Aenderung sich vorzubereiten anfängt, liegt nach Jourdaiüs Ermittelung zwischen 1130und 1150. Damals nämlich wurden unter den Aufpicien des Erzbischofs Raimund von Toledo von einem Vereine von Uebersetzern die bedeutendsten arabischen Philosophen in's Lateinische