Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1860)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Über Princip und Gebiet der Präsumtionen nach talmudischer Lehre
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
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lieber Princip u. Gebiet der Präsumtionen nach talmud. Lehre. 173 des Israeliten höchste Pflicht, Erkenntniß des Gesetzes sein höchstes Ziel. Handwerker und Künstler, Kanfleute und Krieger übten und lehrten das Gesetz und bildeten es aus nach ihm einwohnenden Bedingungen, nicht nach eigenen, wechselnden Meinungen. Denn sie fühlten sich Eines mit dem alten Gesetz und waren Eines mit ihm. So erwuchs seine Entwickelung nicht aus der mühsamen Arbeit trockener Gelehrten, sondern aus dem gesunden, breiten Boden des Volkes. Von Munde zu Munde, vom Vater zum Sohne, vom Lehrer zum Schüler pflanzte sich die Auslegung des Gesetzes fort; nicht in Haufen staubiger Bücher ward sie aufgestapelt; eine lebendige Traditionskette verband den ersten der Tenäim mit dem letzten der Emoräim. Und was die Väter begönnen hatten, wurde von den Söhnen ergänzt und fortentwickelt; alle Lücken wurden entdeckt und ausgesüllt, alle Mängel verbessert. Da wurden denn auch nicht in der engen Studirstube dickleibige Bücher über Recht zusammengeschrieben, sondern in frischer, mündlicher Discussion vieler Hunderte von rechtskundigen Männern ward die religiöse Lehre besprochen und erforscht. Zn den Hörsälen waltete der regste, noch bis auf unsere Zeit vererbte, kampsesmuthige Geist. Frage und Antwort, Rede und Einrede, Beweis und Widerlegung drängten einander in lebendigem Wechsel. Da war kein Punkt an dem, unbedeutendsten Gegenstände, der nicht erspäht, erwogen und gewürdigt worden wäre, keine Licht-, keine Schattenseite blieb verborgen, jedes Object mußte seine tief innersten Falten an das Licht freier, energischer Forschung hervorkehren. Daher wurden auch die der Abstraction angehörenden Gegenstände ״ Wahrscheinlichkeit, Möglichfett, Zweifel" — die eigentlichen Elemente der Präsumtionslehre— aufs Sorgsamste erforscht, nicht nur die Hauptarten, sondern auch die feinsten Nüancirungen derselben, wie sie nur die tief schneidende Gedankenschärse erzeugen kann, ausgebildet. , Dies ward aber auch durch die innige Verbindung erleichtert, welche in dem jüdischen Gesetze zwischen dem Rituellen und dem Civilrechte besteht. Das weite Gebiet des Rituellen bot eine Menge Fälle dar, welche zur Aufklärung des rein Rechtlichen gar viel beitragen mußten. Hier kommen weniger Handlungen und Thaten, als Zustände, Eigenschaften, Verhältnisse der Gegenstände zur Frage; und diese finden häufig nur "auf dem