Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 9 (1860)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Über Princip und Gebiet der Präsumtionen nach talmudischer Lehre
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
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Ueber Princip u. Gebiet der Präsumtionen nach talmud. Lehre. 168 1) Gilt, was aus zureichenden Gründen von jedem Vernunft» begabten Menschen gefolgert werden muß, als logisch gewiß, so gilt als logisch wahrscheinlich, was nur aus unzureichenden Gründen hervorgeht. So schließt man aus den Eigenschaften eines Dinges oder einer Person auf eine gewisse Folge oder Wirkung dieser Eigenschaften; es können zwar gewisse Verhältnisse ein anderes Resultat erzeugen, diese sind aber weit seltener und schwächer als jene, und werden von ihnen gleichsam absorbirt. Aus dem Wesen des Darlehns, aus dem Verhältnisse des Gläubigers zum Schuldner, aus den Eigenschaften des Menschen darf man folgern, daß Niemand vor dem Zahlungstermine ein,Darlehen entrichte. Run können gewisse Verhältnisse allerdings auch das Gegentheil bewirken. Der Schuldner kann gerade eine Caprice haben, noch vor dem Termine bezahlen zu wollen, diese und ähnliche schwache Gründe werden aber von jenen mächtigeren verdrängt, und mit vollem Rechte dürfen wir als Präsumtion annehmen: Niemand bezahlt vor dem Zahlungstermine. 2) Gilt als sinnlich evident, was unendlich viele Male in derselben Weife sich zeigte, so gilt als sinnlich wahrscheinlich, was in den meisten Fällen in einer gewissen, selten in einer anderen Weise sich zeigtet Lehrt daher die Erfahrung, daß unter gewissen Umständen meistens ein gewisses Factum eintrete, so darf man präsumiren, daß in einem fraglichen Falle dieselben Umstände auch dasselbe Factum erzeugten. Oder haben von verschiedenen Möglichkeiten viele ein, und dasselbe, wenige ein anderes Resultat, so darf man annehmen, daß, was in den meisten Fällen, auch in einem gegebenen Falle geschehen wird. Wären in einer Lotterie 1000 Treffer und 100 Nieten, so ist es lOmal wahrscheinlicher, daß ein bestimmtes Loos einen Treffer, als eine Niete erhalten werde. Die Größe der Wahrscheinlichkeit läßt sich daher bestimmen nach der Formel: Wie sich die Summe der Mehrheit zur Summe der Minderheit verhält, so verhält sich die Wahrscheinlichkeit, daß ein Object der Mehrheit, zur Wahrscheinlichkeit, daß es der Minderheit an gehöre ss. Wir nennen diese Präsumtion, da sie auf dem Zahlenverhältnisse einer Mehrheit zu einer Minderheit beruht, kurzweg Präsumtion der Mehrheit. Allerdings ging auch die vorhin erwähnte Präsumtion der ״Folgerung" im gewissen 4) Mendelssohn Ueber die Wahrscheinlichkeit Bd. I, S. 354.