Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1859)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Anfänge der neuhebräischen Poesie
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829234-2829246-2856786--05115-2856804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Di« Anfänge der neuhebräischen Poesie. 408 er dazu gelangt, die heilige Sprache zur poetischen Gewandung zu gebrauchen? Die urkundliche Geschichte schweigt hartnäckig darüber, als wenn es sich gar nicht der Mühe gelohnt hätte,, dieses Factum der Nachwelt zu' überliefern. Nur aus Schlußsolgerungen läßt es sich einigermaßen ermitteln, daß Jose Len Joss, wenn nicht der allererste, doch einer der ersten neuhebrätschen Dichter war. Wir kennen jetzt von ihm zwei große dichterische Compositionen, die von bedeutender Begabung zeugen. Die eine schildert den erhabenen Cultnsact am Versöhnungstage während des Tempelbestandes (Abodah), und die andere veran? schanlicht die Grundgedanken des jüdischen Neujahrs in großen Zügen (Tslliot). Beide liturgische Poemata oder Pijutim (wie sie mit einem Nachhall des griechischen Urwortes genannt werden) reflectiren die bereits fertige Talmudsrmmlung in Sprache und Wendungen. 'Jose b. Jos6 hat entschieden, die halachischen und hagadischen Elemente des Talmud für seine Dichtungen benutzt. Dieser Umstand gewährt uns einen ungefähren Anhaltspunkt für das Zeitalter, in dem er gelebt, nach der einen Seite. Er blühte demnach in der nachtalmudischen Zeit. Andrerseits nennt bereits Saadia (um 940) dessen zwei Compositionen mit Auszeichnung^)- Jose b.!1) Ich muß es wagen in ein Wespennest zu stechen und die Forschung über das Alier der poetauischen Poesie, womit die Kalir-Frage zusammenhängt, wieder aufzunehmen. Dieses Thema hat seinen wissenschaftlichen Abschluß noch nicht gefunden und muß endlich einmal zu einem Ende geführt werden. Herr Rnpoport hat belanntlich die Frage zuerst mit dem ihm eigenen Scharfsinn behandelt und, unbekannt mit den erst viel später entdeckten Quellen, hat er den Repräsentanten der poetanischen Poesie, Eleasar Kalir (oder Kaliri, oder Bcn-Kalir) um das Jahr 970 augcsetzt. Herr Zunz hat dieses Resultat angenommen und lange behauptet. Durch einige neue Entdeckungen stutzig gemacht/hatte er nicht den Muth auszusprcchen, er Hab« fich geirrt, sondern stellte, als wenn gar nichts vorangegangen wäre, in seiner ״synagogalen Poesie" (S. 66) den trockenen Satz hin: ״Die zwei Jahrhunderte vor Natronar (880) sind der Zeitraum, in welchem die synagogale Poesie an- und ansgebaut wurde". Orakeisprüchc haben aber bekanntlich in wissenschaftlichen Kreisen keine Autorität, und hiermit kann jener Satz uns nicht der eingehenden Untersuchung überheben. Herr Luzzato hat zuerst an dem Dogma, daß Kaliri ein Zeitgenosse Scherira's gewesen und auf der Insel Sardinien gedichtet habe, stark gerüttelt, aber ec hat die Frage nicht zur endlichen Lösung gebracht. Neue Quellen ergeben aber das sichere Resultat, daß Kaliri spätestens um das Jahr 800 geblüht, und.daß die po dänische Literatur älter als Kaliri ist.