Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1859)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Anfänge der neuhebräischen Poesie
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
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402 Die Anfänge der neuhebräischen Poesie. Freude erhöht und den Schmerz mildert, fand in der rauhen Zeit und in der feindlichen Umgebung keine Aufmunterung und hatte überhaupt damals in Folge der christlich-asketischen Lebensanschauung und der Barbarei der Völkerwanderung die ehemaligen Kulturländer verlassen. Im jüdischen Kreise wurde schon Derjenige ein Poet (פייטנא) genannt, welcher Wörter mit alphabetischen Akrostichen aneinander zu reihen verstand. An Stofs fehlte es kcineswegcs; die Vergangenheit und Zukunft des Indenthums, die Erhabenheit Gottes und die Herrlichkeit seiner Lehre, das Weh der Gegenwart und die Hoffnung auf die mesfiani-sche Erlösung, ׳die Geschichte des Hauses Jacob und die sie verklärende Sage, sie boten poetischen Inhalt, Colorit und ergreifende Situationen genug zu schönen Dichtungen. Allein es Mangelte an zweierlei: an poetisAM Stimmung und an einer für die Poesie geeigneten Sprache. Die jüdischen Gemeinden in Judäa und Babylonien, den zwei Ländern, welche das Herz des Judenthums, bildeten, wurden während der Jahrhunderte von der Christianisirnng Roms bis zum Auftreten des Islam so vielfach geneckt und geplagt, daß sie sich begnügen mußten, die Dornen von ihrem schalen Dasein beseitigen zu können, und konnten nicht daran denken, sich an des Lebens-Blüten zu laben. Die byzantinischen Kaiser Zeno, Justinian und Heraklius, und die persischen Könige Jezdicherd II., Firuz, Kobad und Hormisdas IV. mit ihren geistlichen Kollegien reichten den Inden den Leidenkelch und hinderten sie, den Freudenbecher an die Lippen zu fetzen. Und eben so wie an Stimmung fehlte es au Sprache. Das reine, bilderreiche, poetisch gehaltene Hebräisch der heiligen Schrift war seit langer Zeit vergessen. Wie zur Zeit nach dem babylonischen Exile das aramäische Idiom in's Hebräische eindrang, so schlichen sich nach dem Untergange des zweiten Tempels griechische und lateinisch gräcisirte Sprachelemeute ein. Aber während das Aramäische als stammverwandt mit der heiligen Sprache ein hebräisches Gepräge annehmen konnte, widerstand die Sprache Jawans lange der Assimilirung und behielt ihr ausländisches Wesen. Dieser Umstand gab dem Hebräischen, wie es öffentlich bei den homiletischen Vorträgen (Midräsclnm) in Gebrauch war, den Charakter eines Jargons. So in Judäa. In Babylonien war die heilige Sprache niemals im jüdischen Volke so heimisch -geworden, daß sie-für poetische Composttioneu hatte verwendet