Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1859)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Jesuiten und Judenkinder um 1693
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 370 (sequence 6)
- Language
- German
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370 Jesuiten und Judenkinder um 1693. reines Wunder erschien, ״daß keine Gewaltthätigkeit vorgencmmen wurde, da doch,in den verwichenen Jahren die Christen mehr als einmal wegen geringerer Ursachen den Tandelmarkt und die Jndenstadt angefallen und ausgeplündert, auch die Juden selbst angegriffen, etliche schwer beschädigt, und wie bekannt ist, gar ermordet hatten;" man kann sich vorstellen, dnrch welche Macht-׳ Nationen die Untersuchungsrichter Bekenntnisse zu erpressen suchten, wenn ebenfalls unser Berichterstatter von dem in dieser Augelegenheit thätigeu Jesuiten sagt (S. 458), -aß er ״ein seltenes Vertrauen eines christlichen Priesters zu einem Juden" an den Tag legte. Aber selbst zugegeben, der Mord sei wirklich begangen worden, sei so, wie der Bericht uns überliefert, begangen worden, muß nicht das von dem Verbrecher angegebene und sowohl von dem inquirirenden Priester, wie auch von dem berichterstattenden Jesuiten selbst anerkannte Motiv des Mordes, ״der Eifer für das Gesetz Mosis" sS. 458) unser Urtheil sehr mildern? Mußte der Gedanke an Torquemada und seinen menschenverheerenden Glaubensfanatismus den Jesuiten nicht bestimmen, über dem verkehrten ״Eifer" eines Juden die Augen znzudrücken; konnte er es wagen, Angesichts des Leichenhaufens, welche eine verblendete Christenschaar iit der Jndenstadt Prags nach und nach aufgethnrmh hatte, wegen eines einzigen von Verblendung eingenommenen Juden allen seinen Glaubensgenossen einSchanddenkmal errichten zu wollen? Durfte er-doch wir eisern gegen Staub und Asche! Anderthalb Jahrhunderte sind über den armen Jesuitenpater dahingegaugen, er ruhe, wie er wolle! Er war ein Kind seiner Zeit, war ein Genosse des Jesuitenordens — und der größte Theil seiner Schuld ist gesühnt: sein Büchlein ist vergessen. Gegen wen wir aber Front machen müssen, das sind die Herren Redacteure der ״Grenzboten". Sie sind mich t Männer von 1693, sondern sie leben im neunzehnten Jahrhundert — Herr Julian Schmidt als Kritiker desselben gewissermaßen schon im zwanzigsten — sie sind nicht Patres Jesuiten und haben keinen Eid geschworen, der sie zum Judenhaß verpflichtete — und dennoch haben sie einer Gottlob bereits vergessenen Mißgeburt der judenseindlichen Gesinnung von Neuem lebendigen Odem eingeblasen! Oder wie, liegt der Veröffentlichung dieses Actenstnckes jesuitischer Thätigkeit in den ״Grenzboten" wirklich kein anderes Motiv zu Grunde, als das Interesse an der Vergleichung ver-