Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1859)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Jesuiten und Judenkinder um 1693
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
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Jesuiten und Judenkindcr um 1693. 369 ״zusondern." Wir fragen: Entweder? Oder? Wenn die Kinder nach der Entscheidung des ״hochweisen erzbischöflichen Amtes" mit Recht dem Vater zugehörten, warum konnte erst die Taufe die Absonderung des Kindes von der Mutter ermöglichen? Wenn nichts wie durste man ein jüdisches Kind wider den Willen seiner Mutter gewaltsam taufen? Wir erwarten keine Antwort; Cardinal Antonelli hat auch keine gegeben, aber wir glauben uns nach dieser kurzen kritischen Untersuchung zu dem Ausspruch berechtigt, daß dem jesuitischen Berichterstatter die Absicht und die Fähigkeit eines ehrlichen, unparteiischen, vorurtheilssreien, wahrheitsgetreuen Geschichtsschreibers entschieden abgcsprochen werden muß. Dieses Urtheil gewinnt man aus der Einleitung (S. 444 — 447); die ungleich längere, dreizehn Seiten umfassende Abhandlung, welche sich über ״die erschreckliche Ermordung des Jndenknaben" verbreitet, ist wohl geeignet, den Leser, insbesondere den christlichen, zu bestechen, erstens, weil sie aus der Tonart des Schimpfens in die mildere des Klagens übergeht, sodann, weil, wenigstens scheinbar, aus Seite der Juden ein ungleich größeres Verbrechen als Rachsucht auf Seite der Jesuiten ist. Um so mehr ist hier, wie jeder ehrliche Forscher zugeben wird, ein kritisches Eingehen vonnöthen. Und in der Thal bietet auch die Abhandlung nicht wenige Züge der confessionellen Voreingenommenheit und Malice des Verfassers. Neben der oft absichtlichen Verkennung des jüdischen Charakters, welche (S. 485) den Juden sogar unterschiebt, daß sie ״es ans Jrrthum für zulässig halten, sich selbst zu erwürgen und dergleichen öfter verüben", bilden wundersüchtige Bigotterie und jesuitischer ״zur größern Ehre Gottes" verschärfter Judenhaß die Ingredienzen, aus welchen dies mehr den Namen eines Pasquills, als einer ״Geschichte" verdienende Machwerk zusammengesetzt ist. Wie soll man sich nun zu dem Bericht von der ״Ermordung" verhalten? Ruht doch der ganze Bericht auf der Aussage eines zum Christenthum übergetretenen vierzehnjährigen Mädchens, das durch seine Eröffnung einige von den wenigen betheiligten Juden zum ״Geständniß" bringt. Man weiß, was von den ״Geständnissen" in jener Zeit zu halten ist, wo man überhaupt und zumal gegen die Juden ״unter Androhung des Henkers und der Folterbank" (S. 457) inquirirte; man kann sich einen-Begriff machen von der Freimüthigkeit, mit welcher der ״Mörder bekannte", wenn eS nach der eigenen'Aussage des Berichterstatters (S. 456) als ein