Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 8 (1859)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über das die Schätzung religionsphilosophischer Systeme beeinträchtigende Vorurtheil, daß die wahre Philosophie voraussetzungslos verfahre
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
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128 Ueber das die Schätzung religionsphilosophischer Systeme re. Man׳ Hai vor Anderen Hegel vorgeworfen, daß er so , wie er philosophirt. hat, nur auf deutsch' philosophiren konnte. Aber wenn das ein Vorwurf sein soll, so trifft er alle originellen Denker. Jeder wahre Philosoph ist zu seiner Zeit unübersetzbar. Und es muß uns vielmehr einen Augenblick anffallen, daß Man über das, was' sich bei der Poesie z. B. so ganz von selbst versteht, bei der Philosophie sich verwundert. In der That hat die Verwunderung-ihren Grund in dem Vorurtheil, dessen Bekämpfung eben diese Zeilen gewidmet sind, daß die Philosophie lediglich individuelle That und keinesweges bedingt ist von dem geistigen Aether, den das Individuum, so zu sagen, einathmet. Streng genommen nun ist mit der Thatsache, - daß der Philosoph die Sprache in dem angegebenen Sinne voraussetzt, wo nicht Alles, doch das Meiste gegeben. Doch müssen wir noch näher mit einigen allgemein zugestandenen Beispielen die Bedingtheit der Philosophie von dem allgemeinen Volksgeiste oder richtiger die Einerleiheit Beider erhärten. Es ist bekannt genug, daß man nicht blos von einer griechischen Philosophie im allgemeinen, sondern noch im besondern von einer ionischen, dorischen und attischen Philosophie spricht. ״Die ׳wunderbare Wanderung" der griechischen Philosophie durch die griechischen Stämme ist'nicht wunderbar deshalb, weil sie ein Münd er, sondern umgekehrt, weil sie der klarste und erkennbarste Ausdruck eines geschichtlichen Gesetzes ist. Die Ionier haben anerkanntermaßen gerade so philosophirt, 'wie sie gedichtet und wie sie im Staatsleben sich bethätigt haben — das Auge mit . Interesse der objectiven Welt zugekehrt und an deren Wechsel und Mannichfaltigkeit sich erfreuend. Umgekehrt war die Philosophie der Dorier vertieft in sich selbst wie ihre Lyrik , maßvoll und in der Zahl das.Princip erkennend wie ihre Staatsverfassung. Und so war/denn auch, wie das attische Wesen überhaupt als die Indifferenz oder richtiger als die harmonische Ausgleichung des ionischen und dorischen Gegensatzes am deutlichsten in der Poesie — man denke an das Drama als die Verbindung von Epik und Lyrik — sich darstellt, die Platonische Philosophie die Ausgleichung der heraklitischen (ionischen) Lehre von dem Fluß aller Dinge und der eleatischen (dorischen) Lehre vom reinen Sein 3). Will man auch noch der der Sokratisch-Platonischen 3) Allst, metaphys. I, 6. 2. XIII, 9. 34.