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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1858-01-01 · Heft 8 · p. Seite 300

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
7 (1858)
Issue
Heft 8
Article
Briefe aus Ungarn
Date
1858-01-01
Page
Seite 300 (sequence 3)
Language
German
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300 Briese aus Ungarn. den Ereignissen zuschauten. sondern eine ganz bestimmte Stellung einnahmen. — Wie in der Natur und Geschichte eine gewaltige Erschütterung nie vereinzelt auftritt, sondern nach verschiedenen Seiten hin ihre Wirkungen ausbrcilet, so war die politische Umwälzung in Ungarn auch von manchen Veränderungen unk Storungen aus dem Gebiete des iüdischreligiösen Lebens begleitet. Die negative, destructive Richtung der Zeit, die sich im blinden Eifer gegen alles Bestehende, feindlich kehrte, blos weil es bestehend und durch geschichtliche Rechte geheiligt war, wollte auch hier zu ihrem Rechte kommen. Es wiederholte sich das Schauspiel, das in Deutschland jetzt schon so ziemlich ausgespiclt und als Durchgangspunkt zu geläuterten und gereinigten Anschauungen seine Berechtigung hat, daß ein Theil der Menge, von einem unbestimmten Zcrstörungsdrange geleitet, nach Reform schrie und den inner» Abfall äußerlich sanetionirl wissen wollte. Eine Religionslosigkeit begann um sich zu greisen, die um so gefährlicher wurde, als sie nicht di« Frucht irgend einer wissenschaftlichen Skepsis war, sonder» im Gefolge der crasscstcn Ignoranz, des zügellosesten Ucbermulbcs auftrat, die in ihren Anfängen um so weniger bekämpft werden konnte, als den strenggläubigen Nabbincn nicht immer dir Macht der lebendigen Rede und Schrift zu Gebote stand, und manche andere halbgebildete Seelsorger ihr mühsam zusammengcrasstes Scheinwisscn nicht besser zu bekunden glaubten, als wenn sie in das Geschrei der Neologcn »uteinstiniintcn. Am meisten beförderten die in Ungarn um sich greifende Vcrachtung der religiösen Formen zwei Classen von Personen, die jede in ihrer Weise der Menschheit zu nützen bestimmt sind — die jüdischen Lehrer und Acrzte. Tie Elstern hatten, ohne eine regelmäßige Ausbiidung in Scminaricn oder sonstigeit Anstalten genossen zu haben, sich ihr schulmännischcs Wissen größtenthcils autodidakrisch erworben, die Letzteren konnten in Folge der aus den österreichischen Universi. täten früher herrschenden Einrichtung außer ihrem medicinischen Wissen nur selten einen Vorrath an sonstige» Kenntnissen aufweisen, und Beide repräsentirten in der Volksmeinung den Rabbinern und den Heroen der talmudischen Gelehrsamkeit gegenüber die profane Bildung. Wodurch konnten sie also dem urlhcilSunfähigen Publikum besser darthun, daß sie die moderne Bildung in «uaeum et sanxuinem ausgenommen hätten, als wen» sie sich über alle religiösen Observanzen vornehm hinwegsetzten? Bei dem Einflüsse, den sie in hohem Maße auf die Israeliten übten, war es ihnen ein Leichtes, durch das bloße Beispiel für ihre

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