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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1858-01-01 · Heft 4 · p. Seite 144

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
7 (1858)
Issue
Heft 4
Article
Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß
Date
1858-01-01
Page
Seite 144 (sequence 9)
Language
German
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144 ®«neu aus dem jüdischen Leben im Elsaß. entsteht eine große Verwirrung; es wird pro und contra intriguirk Der Gemeindevorsteher mischt sich in die Angelegenbeit, die Tempel׳ Verwaltung ist in großer Bewegung. Konferenzen werden gehalten, Unterhandlungen angeknüpst, Vergleiche vorgeschlagen, verworfen unk endlich doch angenommen. Daraus entstehen Seenen und komischernste Vorgänge, die einem Hanswurst als Stofs dienen könnten. Dem Ebasan gegenüber und gerade vor mir saß ein ernster junger Mann, der einzige ans der Gesellschaft, der im Oberrockc geblieben war und sich erlaubte, unbedeckten Hauptes zu sitzen. Er allein sprach mit gewisser Selbstgefälligkeit französisch und wagte inmitten dieser verworrenen, lärmenden und ziemlich unwissenschaftlichen Unterhaltung einige Bemerkungen über die Künste und Wissenschaften zu machen, indem er zu mir die Behauptung aussprach, daß es schon unter den Alten große Genie'« gegeben habe und daß unter den Neueren Voltaire ibm stets als ein Mann von Geist gelte. Indem sich so ein Gespräch zwischen uns beiden entsponncn hatte, verrieth er seine gesellschaftliche Stellung durch den häufigen Gebrauch des imparfait subjonctif. Es war kein Zweifel mehr vorhanden: ich hatte den Gemcindclebrer der israelitischen Schule zu Winzenheim vor mir. Die Rolle, welche der israelitische Lehrer in den großen Gemeinden spielt, ist wichtig. Er ist der Mentor vieler Familien. Im Wesentlichen spruchreich und gebildet, wird er wegen der Tiefe seiner Aphorismen und der Mannichfalrigkeit seiner Citationcn geachtet. Ihm sind alle Neuigkeiten bekannt, er verbreitet und commentirt.sic — ein besonderes Mittel zu gefallen. Durch seine zahlreichen Verdindungen unterstützt, leitet er auch mit Erfolg Heirathsangelcgenbeiten. Ziemlich entfernt von dem Lehrer und fast am Ende des Tisches dehnte sich in aller Breite aus seinem Sessel ein luftiger Rothköpf mit boshaftem und schlauem Gcfichtsausdrucke; es war dies Seligmann, der Lustigmacher des Ortes. Nachdem er auf dem Tische mit zwei Gabeln gleichsam wie mit Stäbchen getrommelt hatte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ahmte er allen ercentrischen. Personen des Dorfes und der Umgegend täuschend nach und nach-- dem er sich einige Augenblicke unsichtbar gemacht hatte, erschien er wieder als Türke verkleidet, sitzend in einem Backtrog, der die Stelle eines Wagens vertreten sollte; nachher nahm er den Namen eines jeden der Anwesenden, so seltsam es auch klingen mochte und brachte auf denselben aus dem Stegreife einen Reim, der die allgemeine Lachlust erregte.

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