Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1858)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 7)
- Language
- German
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142 Sccncn aus dem jüdischen Leben im Elsaß. höchstens zwei Personen zum Male zu schicken: die Anderen kommen nur zum Dcscrt. Dafür ordnen die ihrerseits ans ihre Höflichkeit pochenden Festgcbcr einen wodl besetzten und delikaten Nachtisch an, um die freiwillig verspäteten Gäste zu entschädigen. In der Zubereitung des Dcserts zeigt sich eben besonders das Talent, die Kunstfertigkeit und die reiche Einbildungskraft Lca's. Das brachte stc nicht Alles diesen Abend auf den Tisch! Vorzüglich zu bewundern waren zwei Schüsseln; eine von den beiden ist ein Kuchen, der einen in einem dichten Buchsbaumbusche liegenden Aal vorstellt. Die Wahrheit zu sagen, habe ich mir nie gut erklären können, warum man in den von Lea bereiteten Mahlzeiten ein durch das mosaische Gesetz von der jüdischen Tafel streng ausgeschlossenes Gericht, wenn auch durch die Kunst nachgcabmt, erscheinen sah. Wollte etwa Lea durch eine unschuldige Täuschung ihre Gäste wegen der Abwesenheit jenes derbotencn Gerichtes trösten? Die andere, minder ketzerische Schüssel heißt ״Bräutigamslorte", sie war mit Vlumcn geschmückt und mit ganz kleinen angezündcten Wachskerzen besteckt. Meister Raphael batte die Mission, sie im Triumphe herbcizubringcn. Indem er sic vor sich in gleicher Höhe mit seinem Haupte hielt, sang der gute Mann eine ganz cigenthümlichc Weise und machte groteske Sprünge dazu. Er stellte die gewünschte Schüssel nicht eher auf den Tisch, als bis er gewisse Gänge und Rückmärsche, Kreise und Umwege mit berechneter Langsamkeit durchgemacht hatte. Unter uns befanden sich einige Personen, die gewissermaßen die obligaten Gäste jeder jüdischen Hochzeit sind. Alle waren charactcristische Typen der merkwürdigen Bevölkerung, in deren Mitte ich mich befand. Dieser Mann, der nach der Weise eines Präludircnden vor sich hin summt und in der Hand ein Messer zum Taktschlagen hält, ist der ״Chasan", den wir des Morgens die Hochzeitsgcschcnke einschreibeu sahen. Er wird jetzt zur Unterhaltung die vorzüglichsten Stücke seines Repertoirc's anstimmen, wofür ihm eine Bezahlung zu Theil wird. Hinter ihm stehen bedeckten Hauptes die ihn begleitenden Sänger: der Tenor und der Baß. Diese drei Personen bilden das Vokalorchcster der Synagoge, wo die Instrumentalmusik streng untersagt ist. Der von der Gemeinde besoldete Cantor ist ein bedeutender Würdenträger, dessen Stelle ziemlich einträglich ist; jedoch muß er mit den ihm erngeräumtcn Emolumenten auf eigene Kosten die beiden Begleiter unterhalten. Diese letzteren machen ihre Wanderungen bei den Cantoren verschiedener Gemeinden, bis sic an einem glück-