Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1858)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 6)
- Language
- German
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©erneu aus dein jüdischen Leben im Elsaß. 103 drängte. Auf diesem Tisch waren Hausen von dicken Kreuzern und Silbermnnzen aufgeschichtet, die etwa fünfzig Thaler betragen mochten. Ein Mann — allem Anschein nach ein Hauefreund — gab den Herantretendeu ibre Namen und Eigenschaften an. Man konnte dieß ein wahres Babel von Kleidungsstücken, Mundarten und verwirren» dem Geschrei nennen. Da gab'S Männer in Blonsen und Mühen. Inländer, die das PatoiS der Gegend vortrefflich sprachen; andere trugen einen zerschlissenen mit blauen Slahlknöpfeu versehenen Oberrock, einen runden Hut, eilten Kastanienholzstock, an dessen oberem Ende ein mit Draht umwickelter vrangegelber Wolllappe» angebracht war; ihr Deutsch, obwohl nicht ganz frei von Kauderwelsch, war einigermaßen regelrecht, es wareit dies; Nachbarn vom jenseiligeit User des Rheins. Noch andere endlich mit eckigem Gesichte, hoher Stirne und viereckigen Schultern, trugen eine breilrändrige, die dickeir flechten ihrer schwarzen Haare n>׳r ungenügend verhüllende Kopfbedeckung; ei» Kaftan von zweifelhafter Farbe, lveiland blank gewichste Stulpstieseln, waren die sie kennzeichnenden Kleidungsstücke. Diese Männer, welche ganz deutlich ü für u sprachen, waren Unterthanen Seiner Kaiserl. Majestät des Selbstherrschers aller Reußen. Alle waren sie arme Juden und sämmtlich, Elsässer, Deutsche und Polen, lebten sie von den Alnevsen ihrer Brüder, bei welchen sie, vermöge jenes merkwürdigen Geistes der Berbrüderung. jeden Freitag Abend für eine Art Wohnungszettel eine gute Tafel und Herberg« zu sindeil sicher waren. Dieses Billet wird den bedürftigen Israeliten beim Eintritt in jedes voll Glaubensgenossen bewohnte Dorf eingehändigt. Es gibt keinen Familienvater, der, so bescheiden altch sein Eitlkommen sei, eS sich nicht zu»! Vergnügen und zur Pflicht!nachte, am Ruhetage einen seiner vonr Loose ihnl zugewiesenen mittellosen Brüder an seiner Seite oder, wie man sagt, unter der Laiupe fisten zu sehen und ihm die Plackereien des unsläten Lebens durch die herzlichste und offenste Gastfreundschaft vergessen zu machen. Heute war diese ganze fahrende Brüderschaft, gleichsam gerade durch die Hochzeit herbeigelockt, an einem Punkte vereinigt. Sie kamen, um nach altem Brauche ihr Scherstein von dem Zehent einznstreichen, — eine edle Sitte, welche sich bei den Israeliten Jahrhunderte erhalten hat und vorzüglich von den Laudjuden beobachtet wird. Sollte der gewöhnluchste Jude nicht mehr als fünfhundert Franken zur Mitgift erhalten haben, wird Loch ganz gewiß der zehnte Theil dieses bescheidenen Erbtheils in die Hände der bedürftigen Brüder übergeben. Während ich diese so edelmüthige Vertheilung beobachtete, sah ich, wie sich