Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1858)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Scenen aus dem jüdischen Leben im Elsaß
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 5)
- Language
- German
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102 ©cetim aus dem jüdischen Leben im Elsaß. Geschenke dcS Zukünftigen. Solche Geschenke werden gewöhnlich an dem dem eigentlichen Hochzcitöscste vorangebende» Abende gemacht, der dcßhalb auch der ״Siblonoth oder Geschenkabcnd" genannt wird. Alles, was das Dorf an jüdischen Rotabilitäten aufznwclsen hatte, machte seinen Bestich bei Marem und seinen Gästen. Es wurde da viel tind lebhaft gesprochen. Um eilf Uhr ging die Gesellschaft auseinander. Da das Haus Marem's nicht geräumig genug war. um alle anwesenden Gäste zu beherbergen, so miißten mehrere unter uns bei den Nachbarn die Nacht zubringen — eine sehr beachtenswerlhe Sitte. Empfängt der elsässische Dörfler mehr Freunde als er deren bei sich ausnehmen kann, so braucht dennoch Niemand an der Thüre eines Gastboses anznklopfen. Zeder wohlhabende israclistye Besitzer hat in irgend einem Thcile seines Hauses ein Gastzimmer, das er gern nicht nur zur Verfügung seiner eigenen Gäste, sondern auch der seiner Freunde stellt. Am andern Morgen herrschte, trotz der ziemlich durchdringenden Kälte, eine außergewöhnliche Rührigkeit im Dvrse; Männer und Frauen gingen miinter und geschäftig bin und her. Weit» in unfern ländlichen Gegenden eine Hochzeit gefeiert wird, macht sich alle Welt dabei zu schaffen, als wenn Jedermann dabei bethciligt wäre. An diesem Tage steht man sehr zeitig auf; das Innere eines jeden Hauses bietet den Anblick besonderer Reinlichkeit dar; an diesem Tage macht auch Zeder ein wenig Toilette. Der Grund hiervon ist ganz einfach: eine Hochzeit zieht immer Fremde herbei; diese Fremden können . Söhne und Töchter haben, diese Söhne und Töchter können heirathssähig sein, und man kann da seine Auswahl treffen. Daher haben Eltern, junge Männer und Mädchen das gleiche Zntcreffe, einen günstigen Eindruck hervorzurufen. — Der Bräutigam, begleitet von seinen Verwandten, geht recht zeitlich in den Tempel, um dort sein Gebet zu verrichten, und verläßt denselben wieder gegen acht- Uhr, um der Braut cntgegenzngehen, die man in die Vorhalle der Synagoge geführt hat. Hier befindet sich ein mit hebräischen Zn> schrifttn bedeckter Mahagoni-Lehnsessel. Man läßt das verlobte Paar auf demselben Platz nehmen; der Rabbiner breitet über ihre Häupter einen weißen Schleier, auf welchen die Umstehenden Hände voll Weizen und Korn, als Sinnbild der kommenden Fruchtbarkeit, um die Wette streuen. Als ich in das Haus zurückkehrte, war es im Hause sehr belebt und geräuschvoll. Es summte dort ein wirrer und lärmender Hause, der sich ungeduldig um einen in der Mitte aufgestellten Tisch