Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Briefe aus Süddeutschland
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 419 (sequence 8)
- Language
- German
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Briefe aus Süddeutschland. 419 emancipirt, und existiren von den alten Ausnahmsgesetzen nur noch a) das erwähnte mittelalterliche Gesetz über die Nicht-Classicität eines jüdischen Zeugen, welches zwar nicht angewendet, aber auch vom Gesetze nicht aufgehoben ist, und b) die besondere Judeneidsformel — in verschiedenen Usancen — bei den Untergerichtcn. In der That eine seltsame Anomalie, da bei den Criminalgerichten und vor den Assisen. wo es sich um Leben und Tod handelt, Jude und Christ den gleichen Eid leisten. Es ist ein Gesetz hierüber, selbst nur zur Ausgleichung der Praxis, noch immer nicht zu Stande gekommen. Synagoge, Thorarolle, Tallit u. dgl. sind zwar überall bei den Gerichten des Herzogthums längst antiquirt, doch wird bei der Eidesleistung eines Juden noch immer ein Rabbiner oder Religionslehrer, ein Pentateuch und die gedachte Formel angewendet. — Im Januar 1848 und später 1850 waren vom Ministerium Gesetze zur Abschaffung des Eides mors judaico zwar vorbereitet, Gutachten eingefordert׳, allein es ist Nichts daraus geworden, weil ״die Eidesgesetzgcbung überhaupt revidirt werden soll."— Nun das Warten gehört ja zu den Cardinalsähigkeiten der Juden. Da wir im folgenden Briefe das Schul-, Cultus- und Gemeindeivesen ausführlich besprechen werden, wollen wir hier nur noch über die sociale Lage der naffauischcn Juden bemerken: dieselben sind meist wenig bemittelt, Arme gibt es ziemlich viel, Reiche (über 100,000 Gulden kaum Einer) dagegen wenig. Die Allermeisten leben vom Handel mit Vieh und Maaren; auch die meisten Handwerker treiben aus der früher gedachten Ursache Handel dabei. Dahingegen treiben die meisten jüdischen Handelsleute aus dem Lande mit besserem Erfolg den Ackerbau, sic ziehen ihr Brodkorn selbst. Diese Beschäftigung verbreitet sich unter den nassauischen Juden immer mehr und sehr trefflich. Die Juden werden rasch tüchtige Bauern, viele arbeiten selbst im Felde, und die Dosis von Intelligenz, die der jüdische Bauer mitbringt, läßt ihn allerdings mit seinem Ochsen und seinem Pfluge nicht zu einem Trifolium zusammenwachscn. Er treibt den Handel nebenbei, der ihm baares Geld in's Haus bringt, und so ist auch die Zunahme des Wohlstandes bemerklich. Die noch vor vier Jahren enorme Auswanderung der nassauischen Juden ist im raschen Abnehmen: eine beachtenswerthe Erscheinung im Gegensätze zu den meisten süddeutschen Staaten. — Schließlich sei erwähnt, daß im letzten Jahrzehnt bei den ländlichen Juden, namentlich bei denen in dem Landstrich zwischen Wiesbaden und Frankfurt, ein sehr bemerkenswerther Umschwung rückstchtlich der Ausbildung ihrer Kinder 32*