Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Ibn-Gebirol's (Avicebron's) Bedeutung für die Geschichte der Philosophie
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 388 (sequence 3)
- Language
- German
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388 Wissenschaftliche Aufsätze. Wir versuchen jetzt unsere Behauptung zu motiviren, und zwar nach Vorausschickung einiger geschichtlichen Notizen und einiger das Ganze des Systems betreffenden Bemerkungen durch eine Eonsrontation der Paragraphen des Gebirol mit den entsprechenden Sätzen aus den Enneadcn des Plotin. Der Neuplatouismus war bekanntlich die Philosophie, welche das Heidenthum als letzte Vormauer dem eindringcnden Christenthume entgegenstellte. Der lange mit Erbitterung geführte Kamps endete mit der von Justinian decretirten Austreibung der letzten Repräsentauten der neuplatonischen Schule aus dem byzantinischen Reiche. In Persien gastlich ausgenommen, mußte Priscian, einer der Vertriebenen, den Anfragen des wißbegierigen Königs Cosru-Nuschirwan mit einer Abhandlung antworten, deren lateinische Uebersetzung Jules Quichcrat aufgcfnnden 2 3 4). Damit hätten wir die erste Spur des Weges, den der Neuplatonismus gefunden, um zu den Arabern zu gelangen. Noch bestimmter ist die von Chwolson'b) gegebene Notiz, daß die Ssabier in Harran, neuplatonisch gebildete syrische Heiden, in der Mitte des 9. Jahrhunderts an dem Hofe zu Bagdad zu hohen Ehren gelangten und dort ihre Philosophie ausbreiteten. Was das christliche Abendland betrifft, so war es mit dem echten Neuplatonismus sicherlich vollständig unbekannt zur Zeit, als Avicebron's Buch Gegenstand großer Aufmerksamkeit geworden. Die Bekanntschaft mit der Alexandrinischen Philosophie zeigt sich zwar schon in Johann Scotus Erigena (9. Jahrhundert), aber Johann Scotus selbst ist dem spätem Mittelalter völlig fremdes. Ebenso wenig darf man an Byzanz denken, obgleich dort Plotin nicht blos sich erhielt, sondern nicht einmal ohne Einfluß auf das wissenschaftliche Leben gewesen sein kann, da wir noch einen Antithetikus gegen seine Lehre von der Seele aus der Zeit des Andronikus Paläologus des Aeltern (1282— 1328) besitzen. Seit Jourdain nämlich steht es fest, daß trotz der Kreuzzüge und trotz des sog. lateinischen Kaiserthums von Byzanz aus keine wesentliche Anregung nach dem Abendlande kam, da selbst die physischen und metaphysischen Bücher des Aristoteles lediglich durch Vermittlung der Araber und Juden im 13. Jahrhundert dem christlichen Abendlande zugeführt worden sind. Erst im 2) Man sehe Plotini entieades cd. Dübner, wo zugleich die Quelle für unsere Angaben zu finden. 3) ״Die Ssabier." Ein großer Theil des Buches handelt über diesen Punkt. 4) Ritter, Gesch. der Philosophie B. 7, S. 69.