Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Briefe aus Österreich
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829206-2829216-2855337--03774-2855369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
334 Briefe aus Oesterreich. Ich begann dieses Mal meine Correfpondenz, indem ich einige kleine Orte namhaft machte, die sonst in indischer Beziehung wenig Bedeutung haben. Ich wende mich nun zu Prag. Da habe ich vor Allem eines wichtigen Erlasses zu gedenken. Seitdem die Prager Judengemeinde in neuester Zeit als politische Gemeinde zu bestehen aufgehört hat, indem sie der Commune im Allgemeinen incorporirt wurde, besteht der Proceß, wer die Kosten der Haupt- und Musterschule in der jetzigen Josephstadt zu tragen habe. Ich dächte es sei klar, daß eine Volks- und Realschule eine Eommunalangelcgenheit ist. Von diesem Standpunkte aus wurde der Gegenstand auch von Seite der Behörden aufgefaßt. In jüngster Zeit wurde jedoch auf wiederholtes Einschreiten von Seite der obersten Behörden entschieden, daß die betreffende Confession die Lasten der Schule zu tragen habe. Jedenfalls zeigt dieses, wie sehr die Ansichten sich andern. Ursprunglieh ging das Ministerium von der Ansicht aus, Simultanschulcn zu errichten, und hat eine solche zu Preßburg ins Leben gerufen, die noch jetzt besteht. Einzelnwcise ging man von diesem Plane ab. Das Concordat eröffnete vollständig die Aussicht, wenn nicht gar die Nothwendigkcit von Confessionsschulen. Nun tritt noch das Moment hinzu, daß jüdische Gemeinden, abgesehen von den allgemeinen Steuern, die sie zur Errichtung und Erhaltung der Schulen im Allgemeinen beitragen, überdies noch ihre eigenen Schulen erhalten müssen. Und trotzdem und bei all dem erscheint der katholische Geistliche, in der Josephstädter Schule bei den Prüfungen und übt also derselbe einen Einfluß auf die jüdische Schule. Es ist das eine Anomalie, gegen die man nicht genug protestiren kann. — Mit Vergnügen bemerke ich übrigens dabei, daß die Josephstädter Musterschule zu den besten Schulen Prags gehört und als solche anerkannt ist. Nach wie vor aber muß die Klage erhoben werden, daß in Betreff des Religionsunterrichtes der Bibel im Urtexte nicht größere Aufmerksamkeit und Beachtung gegönnt wird. Leider hat seit zwei oder drei Jahrzehnten das Vorurtheil Wurzel gefaßt, als wäre es vorth eil Hafter, die Religion in präparatirtem Zustande, aus Religionsbüchern, löffel- oder paragraphenweise zu reichen, als aus dem frischen Quell der Bibel selbst zu schöpfen. Wie der Dichter sagt: Mensch, studire die Welt und nicht die Bücher, denn diese sind aus der Welt geholt, so möchte man den Leuten zurusen: Studiret die Bibel הפך והפך בה , denn Alles ist daraus geschöpft. — In neuester Zeit heißt es, daß durch die gemcinschastlichen Bemühungen Rapoport's und Kämpf's eine Bethamidraschschule entstehen soll, die