Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Niederlande und das holländische Leben
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 17)
- Language
- German
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Die Niederlande und das holländische Leben. 301 Die Sitten der Juden in Holland sind verschieden, je nach dem Ursprünge der Familien, die sich auf diesem Boden der Duldsamkeit und Freiheit niedergelassen haben. Der große Wohlstand der portugiesischen Inden ist mit der Zeit geschwunden; aber sie bilden noch ferner eine hervorragende Gemeinde, deren durch das Band der Erinnerung sich gegenseitig verbundene Mitglieder im Allgemeinen eine ehrenvolle Stelle in der Gesellschaft einnehmen. Die deutschen Inden haben, gelenkt von einem berühmten Rechtsgelehrten, Jonas Daniel Meyer, und von einem erwähnenswerthen Staatsbeamten, Karl Asser, seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts glückliche Anstrengungen gemacht, um sich wieder zu erheben. Doch stellt noch die Masse der deutschen Juden, die von der andern Bevölkerung getrennt in Amsterdam und im Haag in einem besondern Viertel concentrirt ist und ansschließlich dem Kleinhandel obliegt, das Bild eines geschichtlichen Verfalls dar. Geht man in die dunkelen engen, unseligen Straßen in der Nachbarschaft der Synagogen Amsterdams, so wimmelt und regt sich hier eine fremde Generation. Aus den niedrigen Hausthüren treten halbbekleidete junge Mädchen, das schwarze Haar nachlässig nach alter Weise zurückgebunden. Zuweilen sitzt eine hundertjährige Frau auf einem Trümmer von Sessel, gehüllt in ihre Kleidung wie die jüdische Nation in ihr Alterthum und wirft stumm, unbeweglich und gleichgültig den Blick umher. Das Alter des Individuums in dem Alter des Stammes hat etwas Mysteriöses, das Achtung gebietet. Sonst kein Zeichen des Verfalls; die Kinder schießen unter der elenden Bekleidung wie kräftiges Rohr auf, und unter diesen armen jüdischen Mädchen erhält sich ein Typus von Schönheit, der würdig der Bewunderung des Artisten ist. Israel hat übrigens bis in den Städten des Nordens die Gewohnheiten des Lebens unter dem Zelte beibehalten. Die Küche ist in der freien Luft aufgeschlagen; das Geprassel der gesottenen Fische, die im Kessel brausen, wechselt ab mit dem Geschrei spielender Kinder, mit der Stimme der Eltern, die ihre Maaren ausrufen. Der Verkauf geht in der Mitte der Straße vor sich, die Kausleute haben den Verkaufsplatz auf dem Pflaster. Trümmer vom Hansgeräth aus der Garderobe und der Hauswirthschaft, alles, was in den menschlichen Sprachen keine Benennung mehr hat, die Reliquien alter Culte, Crucifixe, Andachtsbücher, Alles führen sie. Bei jedem Schritte zeigt sich die Poesie der Lumpen, die hier von mensch- Frankel, Monatsschrift. VI. 8. * 23