Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Niederlande und das holländische Leben
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 294 (sequence 10)
- Language
- German
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294 Die Niederlande und das holländische Leben. ihnen diesen neuen mehr oder weniger unverwischbaren Charakter einzugraben. Fast allenthalben unfähig erklärt Grundstücke zu besitzen, konnten die Juden sich nicht dem Ackerbau ergeben. Nicht minder konnten sie auch mit der Industrie sich nicht befassen: sie lebten unter dem Regimente der Ordonnanzen oder genauer zu sprechen, unter der Laune absoluter Regierungen, und entbehrten der Sicherheit, durch welche dauernde Anlagen gegründet werden. Der einzige Weg, der ihnen geöffnet war, war der Handel: das Kaufmannsgewerbe war damals bei den meisten Völkern Europas verachtet, man überließ es daher den Juden. Bei tieferem Eingehen erkennt man das Ungerechte und Abgeschmackte dieser Verachtung. Der Handel tauscht nicht nur die Products, sondern auch die Ideen aus, er ist das Band, welches in einem gewissen Punkte in neuerer Zeit die Einheit des menschlichen Geschlechts hergestellt hat. Die Entwickelung des Handels ist in der Geschichte der Gesellschaft mit der Entwickelung der Künste, der Wissenschaften und der Schifffahrt verbunden. Die׳Juden sind also in dieser Hinsicht die Werkzeuge des 'materiellen und moralischen Fortschritts der europäischen Nationen gewesen. In einer Epoche, wo das System der internationalen Verbindungen armselig war, haben die Juden als Kaufleute eine geschichtliche Mission erfüllt. Im Jahre 1318 unter Philipp dem Laugen aus Frankreich verbannt, flüchteten sie sich nach der Lombardei und gaben dort den Kausleuten Briese ans Personen, denen sie ihre Reichthümer anvertrauet hatten; diese Briese wurden bezahlt. ״Die bewundernswertste Erfindung der Wechsel, sagt d'Alembert, ging aus dem Schoße der Verzweiflung hervor; durch diesen ökonomischen Mechanismus konnte der Handel der Macht der Gewalt entgehen und sich durch die ganze Welt behaupten." Eine Anzahl jüdischer Familien, welche aus Spanien und Portugal verjagt worden waren, suchten eines Zuflucht in den Niederlanden. Die Israeliten hatten׳ sich in früherer Zeit in den belgischen und niederländischen Provinzen niedergelassen und waren daselbst im Besitz des Handels. Verschiede'M Gesetze sowie Verordnungen der Ortsbehörden׳ trieben sie in ׳ der Folge aus; den Verfall des Handels Lüttichs schreibtman "der Verbannung der früheren Juden zu, welche religiöse Intoleranz aus dieser berühmten Bischossstadt verjagt hatte. AM die spanischen und '׳׳portugiesischen Juden in den Niederlanden erschienen, war keine Spur von den (früheren) französischen und deutschen Juden zu