Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Niederlande und das holländische Leben
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Niederlande nnd das holländische Leben. 293 Die ausgewanderten Inden, die sich nach verschiedenen Gegenden einschifften, erlitten auf der Uebersahrt traurige Schicksale. Einige Schiffe wurden so überladen, daß sie auf dem Meere untergingen und die sich daraus Befindenden ertranken. Andere litten Schiffbruch an wüsten Küsten, auf denen die unglücklichen Verbannten vor Kälte und Hunger umkamen. Ein Schiffscapitän fand ein Vergnügen daran, einen Theil der Passagiere aus eine Insel auszusetzen, wo sie von wilden Thieren zerrissen wurden1). Wie also nicht Antheil nehmen an dem Schicksale eines Volkes, dessen Geschichte ein langes Martyrologium ist? Das jüdische Volk war damals aus Erden die Personification des verletzten Rechts, der verkannten nnd gekränkten Gewissensfreiheit. Was von Seiten der Inden unter solchen grausamen Prüfungen in Erstaunen setzt, ist die unerschütterliche Standhaftigkeit in ihrem religiösen Glauben. Ihre feste Anhänglichkeit an das Gesetz Mo sis unter der Geißel der Verfolgung contrastirt mit den hausigen Abfällen der alten Juden, als sie unter der Herrschaft ihrer Könige und Richter lebten. Beraubt, umherirrend auf allen Meeren und allen Gebieten wurzelte ihr Glaube durch die Leiden: Repräsentant der Einheit Gottes in früher Zeit, erhielt sich dieses Volk im Mittelalter -gestützt auf seinen Glauben und durch den Haß, welchen die Menschen gegen dasselbe hegten. Die spanischen und portugiesischen Juden nahmen aus der Halbinsel ihr Geisteslicht und ihren Gewerbfleiß mit. In Italien bemächtigten sie sich der Buchdruckerei und trugen, indem sie mit der Kenntniß des Hebräischen die prächtigen Bibelausgaben in heiligen shebr.) Lettern verbreiteten die als Denkmäler der Typographie verbleiben, zu dem Anstoße der Reformation bei. — Andere suchten ihre Hülfsquellen im Handel. Ursprünglich bildeten die Hebräer nicht ein Handelsvolk; es war ein Hirtenvolk, Israel lebte unter dem Zelte. Die Umwandlung des jüdischen Volkes in ein handeltreibendes ist ein Beispiel der merkwürdigsten Veränderungen, welche die Umstände in den Neigungen eines Volkes hervorzubringen vermögen. Erst seit ihrer Vertreibung aus Judäa durch die Römer haben die Hebräer sich allgemein dem Handel ergeben 2), Verschiedene Ursachen haben beigetragen, 1) Bgt. a. a. O. S. 480. 2) Eigentlich erst seit der Zeit des Mittelalters. Vgl, 1, Jahrg. dieser Monatsschrift S. 19 Anmerk.