Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die Niederlande und das holländische Leben
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 292 (sequence 8)
- Language
- German
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292 Die Niederlande und das holländische Leben. sie wie ein zweites Vaterland zu betrachten gewohnt waren. Da sing Emmanuel an, einen besorgten Blick ans diese Bevölkerung zu werfen, die das Licht seines Reiches gewesen war. Die Verbannung so vieler Tausende reicher und unterrichteter Menschen mußte eine große Lücke in einem kleinen Staate zurücklassen. Der König wollte daher wenigstens einen Theil, von diesem Stamme zurückhästen, den er durch seinen eigenen Fehler wegziehen hieß. Er befahl, daß die jüdischen Kinder unter vierzehn Jahren gewaltsam zurückgehalten und in den Geheimnissen des christlichen Glaubens unterrichtet werden sollen. Ein solcher Befehl konnte ohne herzzerreißende Auftritte nicht ausgeführt werden : man sah Ellern in einem Anfalle von Wuth und Verzweiflung ihre Kinder tödten, sie in Brunnen werfen und sich ihnen nachstürzen. — Die Schicksale Spaniens und Portugals haben seit jener Epoche eine andere Wendung genommen: diese beiden mächtigen Staaten haben den Verfall ihrer Schifffahrt, ihres Handels und ihres politischen Einflusses erlebt. Die meisten castilischen und portugiesischen Geschichtsschreiber bringen diesen Vorfall mit der Austreibung der Juden in Verbindung. ״Indem Spanien und Portugal sich der Kräfte nützlicher und gewerbfleißiger Unterthanen beraubten, haben sie den Verlust der reichen ' Ernte herbeigerufen, welche die Entdeckungen in den beiden Welttheilen ihnen hätten bringen müssen." Ich glaube zwar nicht in der Geschichte an absolute Theorien, die Thatsachen scheinen einfach, doch die ihnen zu Grunde liegenden Ursachen sind verflochten; aber es ist unmöglich in Abrede zu stellen, daß die Verbannung der Juden ein moralischer Verlust für die beiden Länder und Ursache ihrer Entkräftung gewesen sei. Der junge Fürst, der jetzt in Portugal regiert, schien dieses bei einer merkwürdigen Gelegenheit anzuerkennen. Als er im Jahre 1854 in Amsterdam war, begab er sich in die Synagoge der portugiesischon Juden; dort drückte er späte Seufzer aus und verdammte in verhüllten Worten das unpolitische Verfahren seiner Vorganger, die in dem Zeitalter der Unwissenheit und des Fanatismus vorsätzlich eine Quelle des öffentlichen Wohlstandes aus ihrem Staate wegleiteten 9). 9) Nach Herrn Esquiros haben jetzt bie Juden ihr früheres Recht in Portugal wieder erlangt, und es nehmen einige daselbst eine bevorzugte Stellung ein. Dieser Thatsache wird sonst nirgends Erwähnung gethan, und es schweigen hierüber die öffentlichen Berichte.