Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe aus Süddeutschland
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 2)
- Language
- German
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Briese aus Süddeutschland. 257 7. März , erlassen worden sind, und zu welchen glücklicherweise die Emancipation der Juden gehörte, blieben unangetastet und werden getreulich gehandhabt. Das betreffende Gesetz in der Verfassung lautet: ״Wir Gustav u. s. w. Auch in orts- und staatsbürgerlicher Beziehung soll fortan kein Unterschied mehr zwischen Unseren christlichen und jüdischen Unterthanen stattfinden." — Hiernach besitzen nunmehr unsere dortigen Glaubensgenossen actives und passives Wahlrecht; sie können Communal- und Staatsbeamte werden. Zu den elfteren gehört Herr Kallniann Rothschild, Mitglied des Stadtraths zu Homburg und zugleich Bezirksrath, zu den letzteren der landgräfliche Amts-Secretair Emden und der Regierungsadvocat Binge. . Wir müssen jedoch bemerken, daß in dem Oberamtc Meisenheim kein einziger Communal- oder Staatsbeamter jüdischen Glaubens vorhanden ist; im Allgemeinen aber wird für beide Landestheile das Princip jenes Gleichstellungsgesetzes strengstens aufrecht erhalten. So wurde aus bloßer Rücksicht für die Juden eine frühere, allgemein gesetzliche Bestimmung aufgehoben; Es hatten nämlich die Geistlichen das Recht, für die Versäumnisse der Schuljugend beim Religionsunterricht Strafen zu bestimmen. Als nun ein katholischer Geistlicher sich weigerte, israelitische. Kinder für jene Versäumniß zu bestrafen, so wurde diese Befugniß der Geistlichkeit genommen und den Bürgermeistern übertragen. --- Auch nach einer andern Seite hin verfährt die Landesregierung energisch. Als Beleg hierfür diene folgende Thatsache. Die Israeliten in Seulberg erhielten seit 1830, wenn auch stets im Widerspruch mit dem Gemeinderath, Loosholz aus dem Walde der Gemeinde. Im Jahre 1848 verweigerte der neue Gemeinderath die Verabreichung dieses Hölzes; die Remonstrationen beider Parteien dauerten bis 1853, wo dann endgültig zu Gunsten der Juden entschieden wurde. Die Gemeinde widersetzte sich jedoch gewaltsam der Austheilung des Loosholzes, und cs herrschte eine drohende Aufregung. Da berief die Negierung viele der Beurlaubten von dem Hamburger und Meisenheimer Militair, schickte 300 Mann als Executionstruppen nach Seulberg, der Bürgermeister und sämmtliche Mitglieder des Gcmeinderaths wurden am Tage des Militaireinzuges verhaftet, Elfterer seiner Stelle entsetzt und Letzterer neugewählt, und den Juden ihr Recht verschafft. Die christliche Bevölkerung von Senkberg beschloß zwar in Folge dieser Vorgänge, jeden Verkehr mit ihren israelitischen Bürgern abznbrechen, was aber, noch so fromm und patriotisch gemeint, doch nur eine kurze Zeit befolgt wurde. So sind die dortigen Israeliten im Besitze ihres vollen Rechtes, und auch die beiden Rabbiner erhalten Besoldungszulage aus der Staatskasse. — Frankel, Monatsschrift. VI. 7. 20