Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Briefe aus Wien
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 3)
- Language
- German
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Briefe aus Wien. 177 immerhin Manche, denen die Sache nicht geläufig ist, oder die in speciellen Fällen keine Anwendung von den ihnen selbst geläufigen Sätzen machen wollen. Der Staat besteht, aus der Summe seiner Individuen, und je volkreicher ein Staat ist, desto mächtiger und reicher ist er. Eben so wenig als der Reichthum an Grund und Boden ein Nachtheil ist, eben so wenig kann die große Population ein Nachtheil sein. Es fragt sich nur, wie das Verhältnis der Consumenten und Producenten ist. Wird der Strom absichtlich von einem Gebiete abgeleitet, das dessen bedarf, und einem Gebiete zugeführt, das dessen nicht bedarf, so entsteht ein doppelter Nachtheil. Wenden wir nun diese klaren einfachen Sätze auf unsere Verhältnisse an. Die Richtung unserer Zeit ist eine praktische, realistische. Es kann hier nicht die Aufgabe sein zu untersuchen, welche Schattenseiten hierdurch hervortretcn. Die Thatsache ist einmal constatirt. Ich verweise blos auf den Besuch der Realschulen und Gymnasien. Während die ersteren in letzter Zeit massenhaft vermehrt wurden und nichts destoweniger überfüllt find, ist dies bei den Gymnasien nicht der Fall. Die. natürliche Folge davon ist, daß fich ein Mangel au Beamten herausstellt. Ich kann als Thatsache anführen, daß es in Ungarn jetzt so sehr an Beamten fehlt, daß man Diurnisten monatlich 60 Fl. zahlt, und doch reicht man nicht aus. Wer es weiß, daß man sonst, wie man das hier nennt, sich ״Hinaussitzen" mußte, bevor man im Staatsamte. einen jährlichen Gehalt von 720 Fl. bezog, der wird diese Thatsache zu würdigen wissen. Eigenthümlich ist nur, daß von mancher Seite dieser Bcamtenmangel dem neuen Studiensysteme beigemessen wird, welches doch entschieden dem alten Schlendrian vorzuziehen ist. Soll diesem Uebelstande' nicht vorgebeugt — denn das Uebcl ist bereits vorhanden — sondern abgeholfen werden, so muß den Juden die Karriere zum Beamteustande eröffnet werden. Es soll auch das zu erwartende Gesetz in der Beziehung den Inden günstig fern1)• Mehr Schwierigkeiten ergeben sich, und es sind auch die darüber umlaufenden Gerüchte ungünstig, in Betreff der Zulassung der Juden zum Richteramte. Ich führe dagegen nichts weiter an, als daß in Preußen, wo man mit vieler Dialektik das Princip des ״christlichen Staates" vertheidigt, in neuester Zeit Juden zum Richteramte zugelassen werden, und wir glauben nicht, daß die Rechtspflege darunter leidet. Allerdings ist Deutschland eigenthümlich! Wir werden bald eine Münz-, I) Es ist eben jetzt eine Broschüre erschienen, die den Mangel an Beamten behandelt; doch dieses Moment ist ausgelassen und unsere politischen Journale, bei welchen Juden sich geistig betheiligcn, scheuen cs dieses Motiv auszuspreche». Frankel, Monatsschrift. V!. 5. 14